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Johannes Brahms, Kurt Hopstein

Streichsextett Nr. 2, "Vergessene Gärten" für Streichsextett

Kölner Streichsextett

CMN/Marc Aurel Edition cmn 004
(59 Min., 11/2000) 1 CD

Bei einem derart musikantischen Werk wie Brahms' zweitem Sextett hat es schnell einen pedantischen Beigeschmack, über das Gewebe komplex notierter Phrasierungsbögen zu sprechen. Man glitte rasch ins Fahrwasser des strengen Professors Riemann. Doch auch ohne Brahms' ausgefeilte Notation mit der Lupe zu verfolgen, bemerkt man den wagemutig mit dickem Pinsel ausholenden Zug dieser Aufnahme mit dem Kölner Streichsextett.
Im Kopfsatz entstehen melodische Endlosgebilde unter weitesten Bögen, denen die Interpreten mit dem langen Atem von Tiefseetauchern folgen. Aber es wirkt keineswegs gezwungen, nein, dieses vegetabile Weben mag uns an eine jener Jugendstilarabesken erinnern, die sich um ein Fenster und gleich auch noch den Spiegel daneben rankt und nicht endet oder beginnt. So klingt dieser erste Satz, als wollten die Interpreten nahezu unendlich weiterwachsende Verläufe den verschiedenen Lichtwirkungen aussetzen.
Ganz unproblematisch ist das nicht. Brahms spielt in diesem Satz mit dem berühmten AGAHE-Motiv. Hinter dieser Klangchiffre verbirgt sich Agathe von Siebold, und dieser Auftritt einer angebeteten und dann doch in brahmsischer Manier sitzengelassenen Frau hat etwas zutiefst Deklamatorisches. Ein derart zu sprachlicher Formulierung strebender Zug schreit aber eigentlich nach umrissschärferer Artikulation. Die Kölner wollen nicht deklamieren, die Agathe-Rufe verfangen sich im Blattgrün, um bei den Pflanzenbildern zu bleiben.
Aber das Werk, so naturhaft, so unpsychologisch wachsend zu Beginn, es altert in dieser Inszenierung, und mit dem dritten Satz ahnen wir das originelle Konzept. So dürr-genau exekutieren die Kölner plötzlich Brahms' penible Notation, dass wir statt des gewohnten Schwelgens in herbstlich dürrer Landschaft stehen, als sei das Werk wirklich in einer anderen Jahreszeit angelangt. Und auch das Poco-Allegro-Finale, es beginnt elegisch gedämpft. Erst der Animato-Schluss, geradezu ekstatisch hingefetzt, erlöst uns aus dieser verhangen-wehmütigen Stimmung.
Das Kölner Streichsextett hat nicht einfach schwelgerisch Kammermusik gespielt, es hat eine interessante Dramaturgie erfunden. Und führt uns zum guten Schluss in die „vergessenen Gärten“ (1993) des Kölner Komponisten Kurt Hopstein, ins Klangmilieu der vorletzten Jahrhundertwende. Ein chromatischer Brahms mit vorsichtigen Ausblicken in die frostige Welt der Atonalität, als blicke man vom „vergessenen Garten“ durch gelichtete Zweige auf die Hochhaussiedlung dahinter. Und melancholischer noch kehrt man zurück, um noch etwas der Spätestromantik nachzusinnen, die anscheinend noch immer kein Ende finden kann. Aber als matter, fast überfeinerter Nachklang des jungen Brahms macht sich das Werk ganz gut.

Matthias Kornemann, 05.12.2002



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