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Johannes Brahms

Klaviersonate Nr. 3, Balladen

Grigory Sokolov

Opus111/Harmonia Mundi Op 30366
(67 Min., 11/1992, 10/1993) 1 CD

Nein, eine Neuerscheinung kann ich der sehnsüchtig wartenden Sokolov-Gemeinde leider nicht verkünden. Könnte sich der Meister doch durchringen, einen Mitschnitt der "Pastorale" zu autorisieren, mit der er zurzeit im Konzertsaal verzaubert. Aber es ist eine Wiederveröffentlichung, deren Aufmachung auch jene Leute lockt, die CDs ihrer Cover wegen kaufen, und dann eine Aufnahme mit Ewigkeitswert besitzen.
Grigory Sokolov war nie der Mann, der uns objektive, gültige Musterinterpretationen hinstellen wollte. Er ist der Künstler des Doppeldeutigen, raffinierten, kommentierenden, der dem Kenner verborgene Seitenpfade durch scheinbar Vertrautes bahnt. Die vier Brahms-Balladen sind ein Musterbeispiel dafür.
Allzu simpel sind mir doch die dreiteiligen Bauten der ersten beiden Balladen, mag sich Sokolov gedacht haben. Ein dunkler Gesang, dann, im Mittelteil, geschieht etwas, und kommt der Sang zurück, schwingt Erschütterung nach, verkompliziert sich der Satz, pulsen etwa in der Ersten Bässe wie ausblutende Adern. Wenn man die Geschichte doch kennt, die Gewalttat der "Edward"-Ballade, warum nicht schon die Anfänge psychologisch komplexer, reflektierender auf die Bühne bringen und die Erwartung genießen? Wie eben jemand eine Ballade vorliest, der sie kennt und den Grusel möglichst raffiniert vorbereiten will.
Fern, eisig, wie erfroren beginnt "Edward", eine leise Stimme scheint uns zuzuwispern, dass die Situation rhythmisch an diesem Beginn unendlich heikler ist, als man uns so oft glauben macht. Und dass diese Sache ebenso interessant sei wie der Mittelteil-Mord. Habe Brahms seine Melodieschwerpunkte nicht absichtsvoll gegen jene der Takte gelegt, um die Interpreten zur Betonung schwacher Taktzeiten zu locken? Sokolov aber balanciert diese Strömungen aus und bleibt in eigentümlich fahler Schwebe. Dies ist einer der wenigen Pianisten, bei dem solche überfeinerten Phrasierungsfragen wirklich plastisch hervortreten.
Und aus dem Spiel zwischen wuchtig eingerammter Quinte und Antwort in der Rechten in der schroffen Dritten Ballade macht Sokolov ein Ringen um Hierarchie. Wer gewinnt? Der Quinten-Hieb, der Auftakt nicht sein will, oder die nervöse Antwortfigur, die schwer an ihrer "Eins" trägt und im Verlaufe eigentümlich metrisch verbogen, weggedrückt wird, als weiche sie den Angriffsschlägen aus.
Wenn aber am Beginn schon soviel geschieht, entwickeln sich diese Balladen nicht im Sinne erzählender Dramaturgie. Im Stillstand scheinen sie ihnen gewidmete pianistische Schönheiten selbst zu betrachten.
Will Sokolov einmal ein Auge auf Entwicklungen werfen, folgt man ihm doch mit einer gewissen Reserve. Wie kann er uns in der herbstlichen vierten Ballade die provozierende Munterkeit erklären, mit der er gegen Ende die Achtelfigur der Linken hinabhüpfen lässt? Vielleicht ist im unglaublich langsamen, erdigen Mittelteil, den Sokolov, ganz anders als Michelangeli, nicht im Äther verrauchen lässt, sondern warm und substanzvoll ausformt, als grabe er in herbstfeuchter Erde, etwas Lebendiges aufgeblüht, sodass er uns nicht ganz der Depression verfallen aus dem Zyklus entlassen mag.

Matthias Kornemann, 21.11.2002



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