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David Oistrach: Künstler des Volkes?

David Oistrach

medici arts/Naxos 3073178
(75 Min.) 1 DVD

Wer vielleicht aus Anlass des 100. Geburtstags von David Oistrach die Absicht hegt, mehr in Erfahrung zu bringen über den großen Geiger, der kann zwar auf unzählige Musikaufnahmen zurückgreifen, doch er wird vergeblich nach einem auch nur halbwegs zuverlässigen Buch suchen. Auch der englischsprachige Markt gibt nichts her. Die zurzeit vermutlich beste Biografie, ein in den frühen Achtzigerjahren in Israel erschienener Band des Oistrach-Schülers Jakov Soroker, lässt sich in Deutschland nicht einmal in Universitätsbibliotheken auftreiben. Umso bedeutsamer ist Bruno Monsaingeons fundierter Dokumentarfilm von 1994, der hier pünktlich zum Jubiläum eine Neuauflage erfährt. Noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich der russlandkundige Filmemacher gen Osten aufgemacht, um in dortigen Archiven nach unbekanntem oder längst wieder vergessenem Material zu suchen. Besonders faszinierende Fundstücke sind die vermutlich frühesten Aufnahmen Oistrachs von Mitte der Dreißigerjahre: Dort steht der später so gemütlich-rundliche Geiger gertenschlank da und spielt wesentlich filigraner und eleganter als in der Nachkriegszeit, als er endlich auch im Westen bekannt wurde. Historisch bedeutsamer noch sind die durch vielfältige Quellen belegten Aussagen von Zeitzeugen wie Menuhin, Rostropowitsch oder Kremer, die ahnen lassen, wie es hinter der Fassade des stets freundlich lächelnden Oistrach wirklich ausgesehen hat. Sie erzählen von staatlichen Schikanen, vom allgegenwärtigen Antisemitismus, unter dem auch ein so prominenter Jude wie David Oistrach zu leiden hatte, und sie erzählen von der Angst, die offenbar Oistrachs lebenslanger Begleiter war. Die legendäre Arbeitswut, mit der der herzkranke Geiger wohlwissend sein Leben beträchtlich verkürzte, ist vermutlich auch der Versuch einer Flucht nach innen gewesen.
So alternativlos der Film nun auch ist, die Neuveröffentlichung ist es nicht, zumindest sofern man der gleichnamigen und inhaltlich identischen DVD-Produktion bei NVC Arts (Warner Music Vision) habhaft wird: Dort sind neben den französischen und englischen nämlich auch deutsche Untertitel drauf.

Raoul Mörchen, 19.12.2008



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