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Johannes Brahms, César Franck

Klaviersonate Nr. 3, Präludium, Choral und Fuge

Igor Schukow

Telos TLS 036
(62 Min., 11/2000) 1 CD

Es ist ein seltsamer Widerspruch, dass die russischen Konservatorien zwar Dreschmaschinen in Serie auswerfen, die schon beim ersten Fortezeichen heißlaufen, während einige der bedeutendsten russischen Pianisten alle virtuose Unbändigkeit in ihrem Spiel mit einem eigentümlichen Fanatismus ausgelöscht zu haben scheinen. Der Pletnow von heute ist von wahrlich monumentaler Nüchternheit, ein Sokolow, der früher durchaus donnern konnte, horcht nurmehr das Versponnenste, lyrisch Überzärteltste aus.
Die seltsamste Metamorphose aber durchlebte Igor Schukow, einer der letzten Schüler von Neuhaus. Erinnert man sich, wie er früher Instrumente in Grund und Boden nagelte mit geradezu bizarren Oktavkaskaden (die frühe Version der Tschaikowsky-Konzerte!) und dabei einen fast hysterischen Sog entwickelte, dem man sich kaum entziehen konnte, wird man seiner Wandlung selbstzerstörerische Züge kaum absprechen wollen.
Der Kopfsatz von Brahms' f-Moll-Sonate klingt wie von Wilhelm Kempff an einem ganz schwachen Abend, ein wenig staubig und pedantisch. Doch es lohnt sich unbedingt, weiterzuhören nach diesem trockenen Beginn. Mit einer ganz ungewöhnlichen Rettungstat macht Schukow diese Kopfsatz-Zagheit wieder wett. Der Trümmerhaufen des Finales, ein noch ganz unausgegorener Wurf des jungen Brahms, scheint Schukow gereizt zu haben, romantisch auseinanderfallendes Wesen zu disziplinieren. Selten war der polyfone Charakter des ersten Seitengedankens klarer gefasst, selten strömte das triefende "vaterländische" Thema schlichter und pomploser.
Doch das Mirakel dieser CD ist der langsame Satz, den Schukow in einer spröden, transparenten Klangsphäre ansiedelt, als wolle er ihn aus dem Jugendwerk heben, weil er in Wahrheit etwas Altes, Reifes enthalte. In dieser wunderlich spirituellen Sphäre erlaubt er sich dann bemerkenswerte Umdeutungen. Fast jeder Interpret betont den wiegenden zweiten Gedanken auftaktig, Schukow widerruft das mit sanftem Nachdruck und kehrt den Bewegungszug um; ein mystisches Weben im breitesten, fast stillstehenden Tempo entspinnt sich. Ein Brahms vergrübelter Fremdheit, von diesem nachdenklichen Ernst, wie ihn vielleicht nur ein Künstler mit so interessanter Biographie wie Schukow zu finden vermag.

Matthias Kornemann, 13.06.2002



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