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Johannes Brahms

Violinsonaten Nr. 1 - 3

Pierre Amoyal, Frederic Chiu

HMU/Harmonia Mundi 907272
(77 Min., 3/2001) 1 CD

"Schauernd kühlte jeder Tropfen / Tief bis an des Herzens Klopfen." Mag Klaus Groth auch kein Mörike gewesen sein, sein "Regenlied", dessen Thema Brahms im Finale seiner G-Dur-Sonate ansingt, hat dem Komponisten jene Vision einer ganz naturhaften Sonate eingegeben, in der sich ein versonnenes Individuum fast verliert und seinen Pulsschlag belauscht. Oder hört man doch das Tropfen? In den Weiten des ersten Satzes können sich Interpreten durchaus verlieren, um sich dann allzu nachdrücklich im dichten mikroskopischen Motivgeschehen festzukrallen. Und schon zerstiebt das Weben dieser sommerlichen Musik.
Frederic Chiu und Pierre Amoyal aber finden zu einer wunderbaren Balance zwischen gelassenem Strömen und der Arbeit am Sonatenprozess. So warm Chiu den allgegenwärtigen Non-legato-Puls auch hört, dieses Pochen ist nachdrücklich genug, um den weiträumigen Entwicklungen den untergründig-nervösen Takt menschlichen Maßes zu geben.
Es ist mehr Gestaltungswille in diesem verhangenen Tableau, als man zuerst vermutet. Mögen uns die Sfumato-Klänge dieser herrlichen Mezzopiano-Welt auch hinreißen, dahinter arbeitet ein entschlossen präzises Zusammenspiel. Die parallelen Achtellinien sind makellos synchronisiert, doch sobald sich der Satz lichtet, darf Pierre Amoyal sich schweifend ein wenig lösen. Diese Aufnahme feiert die Kunst leiser Untertreibung. Die Leggiero-Figuren des Finale-Seitenthemas werden einmal nicht mit diesem munteren Augenzwinkern auf den "zigeunerischen" Ton getrimmt. Ebensowenig die grausam schweren Vivace-die-piu-Passagen im Mittelsatz der A-Dur-Sonate. Alles bleibt Andeutung.
Manche Marotten der Interpretationsgeschichte, die längst gleich nie verheilenden Wunden in jeder Einspielung aufbrechen, werden behutsam geheilt. Wartet man nicht längst voll Unbehagen darauf, wie das zweite Thema der dritten Sonate durch das oft unerträglich forcierte Sforzato auf der schwachen vierten Achtel gewaltsam aus der Bahn gebracht wird, indem die Zielnote gleichsam untertaucht. Amoyal und Chiu verstehen diese Brahmsschen Anweisungen nicht als Stau, sondern als kleines Strudeln im Fluss der Periode.
Befreit sind wir vom Plärren der Forte-Terzen im Adagio der d-Moll-Sonate, vom angestrengten Kratzen der Triolen im Prestofinale. Keine gezwungene Phrasierung, kein emotionaler Drücker stört dieses sensible Aushorchen. Man mag allenfalls bemerken, wie sich Brahms' Ich ein wenig aus seiner Schöpfung zurückzieht, um die gelassene Schönheit dieses Musizierens nicht mit allzuviel Melancholie oder Bitternis zu belasten. Als wisse es, das manchen Interpreten die Andeutung genügen kann.

Matthias Kornemann, 04.04.2002



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