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Franz Lehár

Die lustige Witwe

Petra-Maria Schnitzer, Bo Skovhus, Sächsische Staatskapelle Dresden, Manfred Honeck u.a.

medici arts/Naxos 2056818
(145 Min., 12/2007) 1 DVD

Auch Clowns altern. Jérôme Savary war mal der quirligste Harlekin der Operettenregie, sein Offenbach spielte ins Anarchische, manchmal explodierte die Bühne. Jetzt knallen nur noch Sektkorken, und ein gediegenes Tischfeuerwerk wird gezündet. Alte Einfälle haben ihre Renaissance, obwohl noch immer die Illusion von Tempo aufquirlt. Noch immer ist diese "Lustige Witwe" in der Dresdner Semperoper meilenweit entfernt von der handelsüblichen Stadttheateraufführung, schon weil die Sächsische Staatskapelle unter Manfred Honeck sich mächtig ins Zeug legt und viel Schönes produziert. Aber auf der Bühne gibt den Ton an das müde, verbrauchte TV-Gesicht Gunther Emmerlichs als Baron Mirko Zeta, Gesandter des Zwergstaats Pontevedro in Paris. Ohne Zweifel ist Emmerlich in Sachsen noch ein Magnet, im Rest der Welt steht er völlig neben seiner Rolle, das allerdings mit großer Routine. Langweilig kann man diese Savaryproduktion nicht nennen, es passiert immer irgendwas. Es passiert aber selten, was passieren müsste: Zauber, Poesie – und wirklich brutaler Witz. Denn Lehárs "Lustige Witwe" ist in erster Linie eine Operette über das Schlechte im Menschen: Verlogenheit, Rückgratlosigkeit, Intrigantentum und Korruption. Stattdessen fliegt diese Hanna Glawari mit einem Hubschrauber ein und trägt die Urne mit der Asche ihres Gatten unterm Arm: Das sind schon zwei der spritzigsten Regieeinfälle.
Das Viljalied aber, atmosphärestarkes Herz des Stücks, wird verschenkt nach einem Filmauftritt des pontevedrinischen Landesvaters, einer Kreuzung aus Hitler, Mussolini und dem südamerikanischen Diktator Stroessner: zu viel und zu wenig gleichzeitig. Der uraltoperettenhafte Totalausstieg im zweiten Akt, wenn minutenlang übers Textbuch gefaselt wird, ist eine blanke Katastrophe, einzig die Annäherungsszene Witwe/Danilo unterm nächtlichen Eiffelturm, mit Vorausecho des Lippenwalzers, hat Charme und Magie. Petra-Maria Schnitzer als Hanna gibt ein energisches Weib mit schon ein bisschen verblühter Stimme – passt. Bo Skovhus war bereits bei John Eliot Gardiner ein Ideal-Danilo, er ist es auch, wenn man ihn sieht. Aber der von Valencienne (Lydia Teuscher) zauberhaft gesungene "Kleine Pavillon" wird kaputtgemacht von Rossillon (Oliver Ringelhahn), der ein tieffliegender Knödel ist. Das Bühnenbild kommt gut, mit Körperteilen als Mobiliar (Hannas Geberhand im ersten, ein blutrotes Lippensofa im letzten Akt), die Balletteinlage im Maxim sogar toll (Choreografie: Nadège Maruta). Alles zusammen ergäbe ein farbiges Bild, wenn es nicht so bunt wäre. Und operettenübliche Lokalanspielungen im Dialog bleiben so nutz- und witzlos wie immer. Sagt im ersten Akt Mirko Zeta: "Erwarten Sie vom kalten Büfett nicht allzu viel, der Sponsor ist die Sachsen LB." Die Lacher hielten sich in Grenzen.

Thomas Rübenacker, 13.11.2008



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