Responsive image
Johannes Brahms

Sinfonie Nr. 3, Akademische Festouvertüre, Tragische Ouvertüre u.a.

Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Willem Mengelberg

Naxos historical 8.110164
(65 Min., 1930, 1931, 1942) 1 CD

Eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, sich diese großen Orchesterwerke in solch engen, kratzigen, räumlich und zeitlich weit entfernten Aufnahmen zuzulegen. "Historisches" Interesse allein wäre nur was für die Historiker. Aber diese Aufnahmen mit Willem Mengelberg und den anderen, den für ihn fliegenden Holländern - die schlagen doch auch durch diese schiere Kruste von Zeit hindurch fast alle neueren und neuesten Aufnahmen, die noch im Katalog stehen und klangtechnisch natürlich überlegen sind.
Einerseits ist das alles hochdiszipliniert, die Orchesterleistung erreicht mühelos heutigen Standard (ungewöhnlich für damals); andererseits wird nicht nur genau, sondern auch emotional ausdrucksvoller gespielt als etwa bei den Genauigkeitsfanatikern Szell oder Reiner, in deren Richtung es geht.
Schon gleich zu Beginn die "Akademische", tatsächlich eines der akademischeren Brahms-Werke, wird von Mengelberg so spannungsreich inszeniert wie eine sinfonische Dichtung, großbögig und im Detail, dass eine Geschichte ersteht - nicht nur eine gediegen variierte Abfolge von Studentenliedern.
Das Hauptthema im Kopfsatz der dritten Sinfonie, Keimzelle des ganzen Werks, können nur wenige Dirigenten so weit ausgreifen lassen und dabei das "Innenleben" so sprechen machen. Das ist, nebenbei, auch schon überraschend "modernes" Brahms-Spiel, mit zügigen Tempi und ohne Sentimentalitäten. Selbst wenn Mengelberg Portamenti zulässt, zum Beispiel im Poco Allegretto der Dritten, hat das nie was Aufgesetztes, gar Triefäugiges.
Auch die "Tragische", mitten in Kriegszeiten aufgenommen, als keiner im Orchester wusste, mit wem er am nächsten Tag noch spielen würde (bzw. ob er selbst noch spielen würde), ist ein zwar erschütterndes, aber nie wehklagendes Spiegelbild der Zeit. Mengelberg, der Champion Gustav Mahlers, war auch ein großer Brahms-Dirigent. Beziehungsweise einfach: ein großer Dirigent.

Thomas Rübenacker, 28.02.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Ahnengalerie: Im Wien der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat man es schon schwer als Komponist. Mozart, Beethoven, Schubert – übermächtig liegt auf allen Gattungen der Glanz der Heroen, die den klassischen Kanon geschaffen hatten. Was kann man dem noch hinzufügen? Johannes Brahms, dem man oft melancholisches Zaudern unterstellte, setzte sich in Wirklichkeit besonders lange und eingehend mit diesen Vorbildern auseinander, bevor er seinen Beitrag stimmig empfand. So ist sein Werk […] mehr »


Top