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Antonio Vivaldi

Violinkonzerte, Arie "Sovvente il sole"

Daniel Hope, Anne Sofie von Otter, Chamber Orchestra of Europe

DG/Universal 477 7463
(58 Min., 3/2008) 1 CD

Im Filmgeschäft spräche man in so einem Falle von einem Cameo: Zum dramaturgisch wohl besten Zeitpunkt, kurz vor Schluss, nach dem herrlich aufbrausenden Tongemälde "La tempesta di mare", erhebt sich die Stimme Anne Sofie von Otters zur weiten Liebesklage. Ganz allein allerdings singt sie ihr "Sovvento il sole" nicht: Hauptdarsteller Daniel Hope umspinnt ihren bronzefarbenen Mezzo mit feinen Figurationen und hält sich so in Erinnerung. Schließlich, Gastauftritt hin oder her, geht es ja hier um ihn und seine ersten Vivaldiaufnahmen. Nachdem man ihm vor einem Jahr mit dem Mendelssohnkonzert einen eher schulbuchmäßigen Einstand arrangierte, zeugt die Nummer zwei von mehr Mut, zumindest zeugt sie von geänderten Verhältnissen. Der als Fließbandkomponist lang gescholtene Vivaldi hätte mit seinen Werken früher keinem klassischen Geiger die Karriere bereiten können, allenfalls die "Vier Jahreszeiten" wären irgendwann verschämt ins Repertoire gestopft worden.
Die Sicht auf Vivaldi also hat sich geändert, gottlob auch vonseiten der Interpreten: Denn obwohl Hope gewissermaßen den Darm im Schweine lässt und seinem gewohnten Instrument mit moderner Besaitung die Treue hält, so ist seine Reise ins Venedig des frühen 18. Jahrhunderts doch von historischem Kenntnisreichtum geprägt. Schon die farbenfroh changierende Verstärkung des Continuo-Cembalos mit barocker Harfe, Gitarre und Orgel, mit Cello, Theorbe und (der freilich damals eigentlich schon ausrangierten Basslyra) Lirone lässt erkennen, dass Hope es ernst meint mit Vivaldi, und sein Spiel, sehnig-schlank, impulsiv und kleingliedrig, voller überraschender Hell-Dunkel-Kontraste, nicht besserwisserisch auftrumpfend, sondern von spontanen Launen getragen, nicht texthörig, sondern bei Gelegenheit mit Fantasie und Witz frei gestaltend, dieses Spiel hätte sicher auch in der Lagune dem alten Rotschopf gefallen und manches Mal zum Staunen und beifälligen Schmunzeln gebracht. Weil auch das von Konzertmeisterin Lorenza Borrani klanglich wie rhythmisch straff geführte Chamber Orchestra of Europe den Kapriolen Hopes flink zu folgen imstande ist, gibt es bei diesem Vivaldidebüt am Ende nur Gewinner.

Raoul Mörchen, 10.10.2008



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