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Sulkhan Tsintsadze, Ludwig van Beethoven

Miniaturen, Violinkonzert

Lisa Batiashvili, Georgisches Kammerorchester, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen

Sony BMG 88697 33400-2
(57 Min., 11/2007, 4/2008) 1 CD

Man kann die ersten sechs Tracks dieser CD natürlich ganz einfach überspringen, doch man darf sich trotzdem vorher kurz mal drüber ärgern: Wenn Lisa Batiashvili schon den Kulturaustausch propagieren und ihrer Beethoven-Einspielung ein Werk eines georgischen Landsmannes zur Seite stellen will, sollte sie genauer hinschauen und hinhören, was sie da an vermeintlichem Volksgut unter die Leute bringt: Denn der freundliche Gruß aus der Heimat, ein Folklore-Aufguss von musikalisch allerbescheidendstem Format aus der Feder eines gewissen Sulkhan Tsintsadze, er spricht ja doch weniger für die Kultur Georgiens an sich als für die jämmerliche Selbstdarstellung jener Kultur, die anno 1945, im Entstehungsjahr jener "Miniaturen", ein anderer Georgier, Josef Stalin nämlich, unter Androhung schlimmster Repressalien zwangsverordnet hatte. Hoffentlich kommt kein hiesiger Geiger je auf die Idee, die georgische Gegenseite mit entsprechender deutscher Kost aus den Jahren 1933-45 zu beglücken.
Statt des Bekenntnisses zur Musik Tsintsadzes hätte man im Booklet von Batiashvili viel lieber erfahren, wie sie es geschafft hat, Beethovens Violinkonzert nicht nur so fabelhaft zu spielen, sondern anscheinend gleichzeitig auch noch zu dirigieren: Schließlich sind kaum irgendwo sonst die Rollen von Solo und Tutti so unterschiedlich, so eigenständig und anspruchsvoll besetzt. Kommt noch hinzu, dass die nun knapp 30-Jährige das Werk vor allem dynamisch ausgesprochen detailfreudig und expressiv gestaltet. Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen wird von ihr immer wieder in Blitzesschnelle vom hingehauchten Pianissimo zum berstenden Forte und wieder zurück geschickt. Die dramatischen Zuspitzungen vor allem des ersten Satzes scheinen manchmal zuviel des Guten, vor allem das Orchester (von wegen "Kammerphilharmonie") plustert sich mächtig auf, doch mag man Batiashvilis Lesart als eine von vielen möglichen durchaus gelten lassen. Zweifellos legt sie so viele wunderbare Momente frei und erlaubt hin und wieder auch Blicke aus ungewohnten Perspektiven auf vermeintlich Altbekanntes. Als große Geigerin empfiehlt sie sich ohnehin, ausgestattet mit allem was es braucht für eine weiterhin erfolgreich verlaufende Karriere - mit sehr sicherer Technik, einem wunderschönen, strahlenden, modulationsfähigen Ton und eben erheblichem gestalterischen Eigensinn. Allein ihr Sinn für die zuweilen perfide Dialektik von Menschheits- und Musikgeschichte könnte schärfer sein.

Raoul Mörchen, 26.09.2008



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