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Jean-Philippe Rameau, Maurice Ravel, Claude Debussy, César Franck

Werke für Klavier

Nikolai Tokarev

Sony BMG 88697 34145-2
(56 Min., 5/2008) 1 CD

Es war uns angelegen, vor Monaten an dieser Stelle die Herabkunft eines über die Maßen begabten, mit den Klängen und Werken aber doch recht unziemlich umgehenden Tastenkünstlers zu verkünden. Wohl sahen wir das Talent, mussten aber nach dem Hören dessen, was uns Nikolai Tokarev über seine Sicht auf Chopin, Liszt und Schubert mitzuteilen hatte, konzedieren, da habe sich ein junger Mensch leicht verirrt. Seither ist einige Zeit ins Land und Tokarev einen Schritt weiter gegangen. Anscheinend hat er diesen Schritt mit Bedacht getan. Denn seine neue Aufnahme zeigt sich von einer ganz anderen, will sagen angenehmeren Seite. Schon die Dramaturgie bezwingt: Von Rameau lässt sich trefflich eine Linie zu seinen Landsleuten Ravel und Debussy ziehen, wobei César Franck ("Prélude, fugue et variations") einen hochinteressanten Seitenstrang mit Konnex zur Hauptstraße bildet (den Tokarev kraftvoll beschreitet). Doch zurück an den Anfang, zu Rameau. Dessen "Gavotte et six doubles" präsentiert uns Tokarev als das, was diese Stücke sind: zauberhafte und klangschöne Spielereien, Spiegeleien, die an der Grenze zum Sentimentalen hausen, aber eben nur an der Grenze. Exakt dort verortet sie der junge Russe, als kristalline Klangbilder. Gleiches lässt sich im Grunde für die Piecen Debussys sagen, die auf der CD sich finden: die erste "Arabesque" und das "Clair de lune". Silbrig glänzende Erscheinungen beide, anmutig, voller zartem Kolorit. Tokarev tut gut daran, seinem dolce-Ton ein semplice beizufügen, denn das bewahrt ihn vor dem Kitschverdacht. Bei Ravel besteht dieser ohnehin nicht, auch nicht in der herrlich sanft tönenden Pavane, die unter Tokarevs Händen dahinströmt wie ein nur hier und da aufschreckender Tagtraum. Und wo er schon einmal beim Träumen ist, durchmisst Tokarev auch den wundersamen "Gaspard de la nuit" Ravels auf samtenen Pfoten. Man darf hier mal das Wort von der Klangmagie benutzen – und doch auch ein wenig Kritik üben: Das Drama, das im "Gaspard" so offenkundig verborgen ist, wie jener berühmte Brief in Edgar Allan Poes fantastischer Erzählung, will sich erst im dritten Teil überhaupt erst so richtig deutlich einstellen. Vorher nimmt Tokarev immer Zuflucht in seinem Moskauer Magiehäuschen. Auch den "Le gibet" ("Galgen") übersieht er. Geflissentlich? Wer weiß. Vielleicht will er auch nur den Tod nicht in seine Fantasie hineinlassen.

Tom Persich, 19.09.2008



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