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Johannes Brahms

Klavierquartette Nr. 2 op. 26 A-Dur und Nr. 3 op. 60 c-Moll

Mozart-Klavierquartett

Arte Nova/BMG 7 43217 70752 1
(78 Min., 4/2000, 5/2000) 1 CD

Ach Clara, hättest du ihn doch erhört! (Oder hast du etwa?!) Aber vielleicht war dein Widerstand doch das beste - für uns heute. Denn sonst hätte dein junger Verehrer diese hinreißend-schwärmerische Musik vielleicht gar nicht geschrieben. Man muss sie zum Intensivsten zählen, was das romantische Zeitalter hervorgebracht hat. Jedenfalls, wenn sie vom Mozart-Klavierquartett präsentiert wird. Hier lassen sich alle Brahms-Register par excellence studieren - vom elegischen Tiefsinn über das Heiter-Verspielte bis zum katapultartigen Ausbruch, sei es der überschwänglichen Freude oder der abgründigen Verzweiflung.
Was mich vor allem überrascht, ist die Ensemblequalität der gerade mal drei Jahre alten deutsch-australischen Formation. Sie hat ein mustergültiges Gespür für Brahms' Zwischentöne, seine typischen rhythmischen Verschiebungen (im Wechsel von Achteln und Triolen), und sie vermeidet souverän das Manko vieler Kollegen: das Auftrumpfen entweder des Geigen-Primus oder des Klavierparts (bei aller pianistischen Fulminanz: Tamara Cislowskas versteht es, auf ihre Partner zu hören). Man zeigt sich eben wirklich als Ensemble.
Apropos Clara: Das letzte Klavierquartett, mit dem Brahms über zwanzig lange Jahre rang, zeugt dann doch von einer bedenklichen Liebes-Depression: "Sie dürfen", so kündigte er seinem Verleger das Werk an, "auf dem Titelblatt ein Bild anbringen. Nämlich einen Kopf - mit der Pistole davor. Ich werde Ihnen zu dem Zweck meine Fotographie schicken!" Bekanntlich besaß unser musikalischer Werther eine gehörige Portion Selbstironie, sodass man die Pose nicht allzuwörtlich nehmen musste. Trotzdem zeigt uns das Mozart-Klavierquartett schon zu Beginn die Stadien der brahmsschen Seelenkrankheit in einer Art, die den Hörer schlicht gefangennimmt: der Seufzer-Anfang - abgründig resignierend in seinem dahingehauchten Pianissimo, dann der Verzweiflungsausbruch - ebenso abgründig in seinen gewaltsamen Akkordkaskaden, schließlich das elegisch-schwärmerische Dur-Thema - so "singend" und sinnierend, wie es für den späten, "gelösten" Brahms dann charakteristisch wird.
Schließlich doch noch zwei kritische Anmerkungen zu dieser musikalisch hochlöblichen Billiglabel-Produktion: die irritierenden Cover-Informationen - bedingt durch den Namen des Ensembles. Und dann (wieder einmal) die Beiheft-Einführung, hier die Kritik, die Brahms’ Schlusssatz von Opus 26 widerfährt: dessen strenge Durchführungsarbeit wirke "komisch und unangemessen". Genau das ist sie, diese Kritik.

Christoph Braun, 11.01.2001



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