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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten

Jonathan Biss

(10/2007)

Wenn einer so jung ist und es sich zutraut, eine der drei letzten Wahrheiten Beethovens für das Klavier aufzunehmen, dann ist er entweder größenwahnsinnig oder außerordentlich begabt. Für den amerikanischen Pianisten Jonathan Biss, Jahrgang 1980, darf Letzteres gelten. Seine Interpretation der E-Dur-Sonate op. 109 beweist, dass Durchdringung nicht unbedingt eine Frage des Alters sein muss. Eindrucksvoll, wie er die Architektur dieses Werks offenlegt, wie es ihm gelingt, die (nicht immer auf den ersten Blick) organischen Prozesse innerhalb der Sonate darzustellen, kurzum: wie er die innere Logik zu fassen kriegt und vermittelt. Biss folgt hierbei einem durchdachten und schlüssigen Plan. Darin figurieren die ersten beiden Sätze gleichsam als (ausufernder) Prolog für den eigentlichen Hauptsatz der Sonate, das Finale, welches Biss exakt nach Vorschrift spielt: gesangvoll, mit innigster Empfindung. Das Schöne daran ist: Nichts an dieser Empfindung wirkt gekünstelt, sondern ist Ergebnis eines interpretatorischen Willens. Auch klanglich greift diese Lesart weit aus, reicht vom intimsten Piano bis zum orchestralen, auf satten Bässen fußenden Forte, ist in sich enorm ausbalanciert. Eine reife Leistung, die mit den großen Deutungen problemlos mithalten kann. Und die bestätigt wird durch die Wiedergaben der drei anderen Sonaten, die auf dieser CD zu finden sind. Ohne übertriebenen Furor geht Biss die häufig verkitschte "Pathétique" an, mit vollendeter Ökonomie die so genannte "Pastorale". Um dann, mit geradezu heiligem Ernst, aber wohltuend unpathetisch in jene Gefilde vorzustoßen, die man zuvor den Alten nur zutrauen mochte; schon in der selten gespielten e-Moll-Sonate op. 90 zeigt er hohes gestalterisches Niveau und Feingespür für das Detail wie für die große Form. Mit einem Wort: Wenn einer so jung ist und so gut spielt, dann kann aus ihm ein bedeutender Pianist werden.

Jürgen Otten



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