Eins ist sicher: Das Bühnenbild der "Tosca"-Inszenierung der Bregenzer Festspiele hat das Zeug zum Filmstar: Die Seebühne mit dem gigantischen Auge verlieh bereits der ZDF-Berichterstattung zur Fußball-EM einen surrealen Akzent und wird demnächst sogar als Schauplatz des aktuellen James-Bond-Streifens "Quantum of Solace" im Kino zu sehen sein. Doch nur zur Oper passt das Auge wie die Faust: als Symbol, das für Scarpias Überwachungsstaat steht und gleichzeitig für das hemmungslose Begehren, das der Polizeichef für die Opernsängerin Floria Tosca empfindet. Glücklich ist das Auge aber auch deswegen gewählt, weil eine Netzhaut bereits von Natur aus eine Projektionsfläche darstellt. Die Filmeinspielungen, mit denen die Inszenierung arbeitet, wirken daher sehr viel motivierter, als das gewöhnlich im Theater der Fall ist. Was sich vor dieser starken Kulisse schauspielerisch tut, enttäuscht allerdings – und ironischerweise tut es das in der DVD-Aufzeichnung noch mehr als in der Liveaufführung. Sicher: Eine Freilichtdarbietung ist kein psychologisches Kammerspiel. Aber in dem Versuch, die gesamte Bühne zu bespielen und die Emotionen seiner Protagonisten mit breitem Pinsel zu malen, verliert Regisseur Philipp Himmelmann fast völlig das Gefühl für die Spannungen, die sich zwischen den Figuren auftun – und die Filmkamera deckt diese Schwäche mit ihrem fokussierten Blickwinkel auch noch gnadenlos auf. Einen gewissen Trost bietet die Tonspur. Schirmer animiert die Wiener Symphoniker zu einem brillanten, gut durchhörbaren Breitwandsound sowie zu einer beeindruckenden Steigerung im ersten Finale. In Zoran Todorovitsch können wir zudem einen selbstsicheren Cavaradossi, in Nadja Michael eine hoch professionelle Diva sowie in Gidon Saks einen kernigen Scarpia bewundern. Und wenn es den Dreien auch nicht gelingt, ihre Figuren aus der Eindimensionalität von James-Bond-Streifen zu manövrieren, so sind sie stimmlich wie emotional stark genug, dass man der Oper ohne Langeweile bis zum Showdown folgt.

Carsten Niemann, 23.08.2008



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