"Goooo Awaaaay!!!" – mit diesem markerschütternden Imperativ brüllt die Duchesse de Crackentorp ganz und gar nicht Lady-like dem armen Diener Hortensius noch das allerletzte Haupthärchen nach hinten. Während sich das Publikum kringelt vor Lachen. Überhaupt ist der Auftritt von Dawn French als adlige Fregatte eine einzige One-Woman-Show – und damit das absolute, kalorienschwere Sahnehäubchen auf eine Inszenierung von Gaetano Donizettis "La fille du régiment", die seit ihrer Londoner Premiere 2007 zu Recht auf internationalem Tourneeerfolgskurs ist. Denn Laurent Pelly weiß schließlich spätestens seit seinem Regiecoup mit Jacques Offenbachs "La Grande-Duchesse de Gérolstein", wie man jeglicher Form von Hurra-Patriotismus und Kriegstreiberei herzerfrischend komisch auf die Stiefel treten kann. So hängen bei dem Livemitschnitt aus dem Londoner Royal Opera House nun die langen Unterhosen der französischen Soldatentölpel in Reih und Glied an der Wäscheleine. Auf der anderen Seite versuchen die einfältigen Tiroler, sich mit Kochtöpfen bewaffnet dem nahenden Feind entgegenzustellen. Und mittendrin in dieser quietschfidelen Entzauberung von Gehorsam und Landestreue lassen gleich zwei Gesangsstars keinen Zweifel an der These, dass zum guten Schluss nichts anderes als nur die Liebe zählen kann.
Bis es zum Happy End zwischen Marie, der Regimentstochter, und dem Tiroler Tonio kommt, entpuppt sich gerade Natalie Dessay als rasender Knallfrosch. Mit ihren roten Haaren ist sie so störrisch, hemdsärmlig und selbstbewusst wie einst Pippi Langstrumpf. Und eingeschnürt in die gebügelte Robe, verwandelt sich Dessay mit ihren mechanisch-marionettengleichen Gesten fast in Offenbachs Olympia. So konkurrenzlos das furiose Temperamentsbündel Dessay die Bühne beherrscht, so kann Juan Diego Flórez erst als Bauernbusche, dann als Soldat Tonio sängerisch mehr als mithalten. Einschmeichelnd zart gibt er sich im Liebesduett "Quoi? Vous m'aimez?" – bevor er in der Tenor-Bravour-Arie "Ah, mes amis!" wie erwartet brillant die hohen Cs unters Volk wirft. Reiht man in all diese Höchstleistungen noch Felicity Palmer als snobistische Marquise de Berkenfeld ein, muss man nicht nur von einer Idealbesetzung und einer Referenzaufführung sprechen. Dieser Londoner Donizetti ist ein Heiden-Belcanto-Vergnügen.

Guido Fischer, 08.08.2008



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