Beethovens Leonore, uraufgeführt 1805, mag das bedeutendste Werk sein, das aus Jean Nicolas Bouillys berühmten Rettungsopern-Libretto von 1798 hervorgegangen ist. Dennoch wäre es schade, würde man darüber Leonores attraktive jüngere Schwester vergessen: Bereits 1804 komponierte der geborene Bayer und Wahlitaliener Johann Simon Mayr (1763-1845) eine einaktige, in Polen spielende Version des Stoffes. Mayr, dessen Werk in den letzten Jahren eine verdiente Renaissance erlebt hat, könnte man stilistisch als das "Missing Link" zwischen Mozart und Rossini einordnen. Wenn Mayr auch nicht die Charakterisierungskunst Mozarts besitzt und seine Melodien nicht ganz die Ohrwurmqualitäten Rossinis erreichen, so verbindet er doch heißes natürliches Theaterblut mit solidestem Theaterhandwerk, wozu sich außerdem eine äußerst farbenfrohe und vielfältige Instrumentation gesellt. Den Singspielton, den Beethoven am Anfang seiner Oper nur durchscheinen lässt, zieht Mayr konsequent durch: Wo Beethoven Brüche wagt und tragisch wird, geht Mayr bruchlos ins Sentimentale über. Doch dass Sentimentalität zu Mayrs Zeit noch keine abwertende Bedeutung trug, kann man hier erleben: Ohne Abgründe der Seele zu streifen, wird sie als eine neue, natürliche, bürgerliche Eigenschaft mit Stolz in Kantilenen und Koloraturen zur Schau gestellt. Ohne Scheu davor, die effektvolle Theatermechanik des Stücks durchscheinen zu lassen, bieten die motivierten Sängerinnen und Sänger ihre Parts dar, wobei die Frauen die Hosen anhaben: Im Gegensatz zu den koloratur- und kantilenenfesten Sopranen Cinzia Rizzone und Tatjana Charalgina muss Tenor Francescantonio Bille immer wieder seine ganze Musikalität und Erfahrung aufbieten, um die Kraftanstrengung vergessen zu machen, die ihm der Part des eingekerkerten Helden hörbar kostet. Christopher Franklin hingegen führt die gut aufgelegte Württembergische Philharmonie nicht nur mit Esprit, sondern auch der notwendigen Leichtigkeit durch einen Livemitschnitt, der nicht zuletzt die gelöste Atmosphäre des gastgebenden Festivals "Rossini in Wildbad" transportiert.

Carsten Niemann, 01.08.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Beutezüge im Barock: Manche Solisten haben das Pech, dass die größten Komponisten gerade für ihr Instrument kein Konzert geschrieben haben. Keine Trompete bei Mozart, keine Flöte bei Bach und überhaupt keine Konzerte von Schubert. Und obwohl Antonio Vivaldi dank seiner versatilen Schülerinnen in der Pietà für fast jedes erdenkliche Instrument und jede Kombination Concerti in Fülle entworfen hat – allein 39 für’s Fagott, nur seine eigene Violine hat mehr bekommen – gibt es […] mehr »


Top