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Johannes Brahms

Violinsonaten

Jascha Heifetz, Emanuel Bay, William Kapell

Idis/Klassik Center Kassel IDIS 6540
(62 Min., 1936, 1950) 1 CD

Der Jude Jascha Heifetz hatte aus verständlichen Gründen nach 1933 für Deutsche nicht mehr viel übrig, und nur deshalb wohl haben sich seine und Herbert von Karajans Wege nicht gekreuzt. Ansonsten hätte schon das Gesetz der großen Zahl dafür gesorgt, dass beide irgendwann einmal im gleichen Studio gelandet wären: denn so wie Karajan nahm auch Heifetz alle Jubeljahre sein Repertoire von Neuem auf, vorzugsweise dann, wenn gerade mal wieder eine bessere Technik erfunden war. Doch wie bei Karajan hat auch im Falle von Heifetz optimierte Tonqualität nicht zwangsläufig gesteigerte künstlerische Qualität bedingt – freilich schwankte der Gott der Geiger, wie ihn viele nannten und nennen, in seiner Form schlimmstenfalls zwischen unglaublich und ziemlich gut. Ziemlich gut spielte Heifetz die dritte Sonate von Brahms 1950 mit William Kapell: Schneidig, unsentimental und auch ein bisschen oberflächlich. Viel mehr wäre drin gewesen, hätten die beiden sich genauer über ihr Vorgehen verständigt und Kapell zudem mehr Mut gehabt, sich neben dem Star mit eigener Persönlichkeit zu behaupten: Das musikalische Material dafür lag jedenfalls vor ihm. Schade vor allem, weil Kapell als Pianist durchaus ein exklusiver, speziell für diese Aufnahme gewählter Partner war – anders als Heifetz’ treuer Konzertbegleiter Emanuel ("Klavierdackel") Bay, der mit seinem Arbeitgeber 1936 die beiden frühen Sonaten ebenfalls im Studio spielte. Offenbar hat ihn Heifetz damals, um seine Ruhe zu haben, mitsamt Flügel irgendwo in eine Ecke geschoben: Aus weiter, ferner Ferne hört man Bay einsam auf den Tasten herumstochern, von dort aber immerhin sehr folgsam jenes Maß haltend, das ihm vorgegeben wird. Was Heifetz aus solch eigentlich trüber Disposition heraus zaubert, verdreht einmal mehr die Ohren: In bewährter Dialektik von jeweils individuell eingefärbten Tönen, blitzsauber gesetzten Akzenten und präzisen Portamenti einerseits und enormem Elan andererseits, von Süffisanz und Athletik, Gelassenheit und Disziplin tanzt er leichten Fußes über den Noten – wesentlich strahlender und auch wesentlich verbindlicher als ihm das 14 Jahre später bei der d-Moll-Sonate unter klangtechnisch weitaus günstigeren Bedingungen gelingen soll. Säße jetzt noch ein Rubinstein am Flügel und stünde der näher an einem (besseren) Mikrofon, der siebte Himmel könnte einem gestohlen bleiben.

Raoul Mörchen, 27.06.2008



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