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Horowitz in Hamburg – The Last Concert

Vladimir Horowitz

DG/Universal 477 7558
(70 Min., 6/1987) 1 CD

Am 21. Juni 1987 spielt sich in der altehrwürdigen Hamburger Musikhalle, die schon damals nicht mehr so heißt, weil man sie in Laeiszhalle umbenannt hat, Einzigartiges ab. Ein alter Mann betritt die Bühne, um noch ein Mal seine Kunst zu zeigen. Es ist sein letzter Auftritt, die meisten, die gekommen sind, ahnen es. Ein Abschied also, den sich all jene, die dabei sein wollen (oder müssen), teuer erkaufen. Doch Kunst, ist sie groß, ist ohnehin unbezahlbar. Und wer an diesem lauen Sommerabend dabei ist, als Vladimir Horowitz noch einmal beweist, welche solitäre Stellung er unter den großen Pianisten seiner Zeit einnimmt, trotz eines Michelangeli, eines Rubinstein, trotz eines Gilels und eines Richter, wird diesen Abend nicht mehr vergessen können, der mit Mozart beginn. Hauchzart, silbrig im Klang schon das D-Dur-Rondo KV 485. Dann die B-Dur-Sonate KV 333. Hier singt Horowitz wie eine Nachtigall, singt er sich durch drei Sätze hindurch mit weichen, intensiven Linien, vergisst aber nie jene vorgeblich unscheinbaren Stimmen, die in der Mitte der Klaviatur sich befinden, die erst das gleichermaßen kompakte wie fragile Gebilde Sonate zusammenhalten. Das kann kaum einer so wie er: wie beiläufig eine Phrase, eine harmonische Wendung hinaus ans Rampenlicht treten lassen, die gewöhnlich nur als Begleitfunktion wahrnehmbar ist. Da macht es auch nichts, dass er im beschwingt-fröhlichen Finale der Mozartsonate einmal kräftig danebengreift. Genies dürfen das. Von Mozart führt sein Weg zur Romantik. Die Romantik ist gleichsam das Wohnzimmer Horowitz'. Sein Tanzsaal, durch den er, seien es die Schumann’schen "Kinderszenen" oder die kapriziösen "Soirées de Vienne" von Schubert/Liszt, hindurchschwebt wie ein Engel. Keiner kann so charmant und zugleich so raffiniert, so sublim und zugleich so subversiv wiegen und wogen wie Horowitz; vor allem darin liegt sein Geheimnis. Und nur wenige können so schlicht und schön erzählen wie er und einen alles vergessen lassen; so als gäbe es in diesem Moment nichts anderes als diese klingenden Geschichten. Man kommt nicht umhin, diesem Zauber zu verfallen. Weil er das Schwierige, wie etwa den E-Dur-Mittelteil der "heroischen" As-Dur-Polonaise von Chopin, so leicht erscheinen und das Leichte, wie die kleinen Stücke aus den "Kinderszenen", so leicht lässt. So etwas können eben nur Genies: so etwas wie jene Mazurka in b-Moll aus op. 33, die Horowitz an diesem Abend hinzugibt. Eine unbedeutende Begebenheit eigentlich, harmlos. Horowitz erzählt sie so, als sei darin die Weltformel enthalten. Dafür muss man ihn lieben. Und selbstverständlich diese (bislang unveröffentlichte) Aufnahme seines letzten Konzerts in Hamburg in Händen halten.

Jürgen Otten, 13.06.2008



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