Faust?! Da assoziieren viele Schulquälerei, Grübeln und Gründeln – kurzum: deutsche Geistesschwermut. Vielleicht verhindern bis heute solche bühnenfeindlichen Konnotationen den durchgängigen Erfolg von Busonis "Doktor Faust". Dabei ist die 1925, ein Jahr nach dem Tod ihres Verfassers uraufgeführte, von seinem Schüler Philipp Jarnach vollendete "Dichtung für Musik in zwei Vorspielen, einem Zwischenspiel und drei Hauptbildern" alles andere als blass. Obwohl Busoni selbst seinem "Haupt- und Staatswerk" neben der komplexen Formgestaltung auch einigen theoretischen Ballast mitgegeben hatte – als Musiktheater der Zukunft, das statt der Realität dem Übernatürlich-Mystischen verpflichtet ist (wobei der Titelheld, anders als derjenige Goethes, fern von jeder christlichen Transzendenzvorstellung das pure Menschsein verkörpert, dem alle Heilserwartung und Höllenfurcht nur symbolische Spiegel des eigenen Inneren und seines Werdegangs sind). Auch ist dieser "Doktor Faust" eine Art Autobiografie des deutsch-italienischen Komponisten, wenn der Titelheld seine traumhaft-traumatische Reise zu Stätten des katholisch-sündenbehafteten bzw. teuflisch-lüsternen Unterbewussten und der Erinnerung unternimmt, wie der romanischen Kapelle (mit Gretchens rachesüchtigem Bruder), dem italienischen Fürstenhof und schließlich der Klause, in der der Künstler vereinsamt stirbt, während sein Werk – vielleicht – weiterlebt. Am Zürcher Opernhaus war vor zwei Jahren unter der Regie von Klaus Michael Grüber gottlob kein Überbau-Gewürge, sondern ein fantasievoll-fantastischer Bilderreigen und ein blutvolles Musikdrama zu goutieren, dessen Titelheld Thomas Hampson auf geradezu ideale Weise verkörpert. Zwar muss dieser stimmlich mitunter dem großen, von Busoni höchst farbig präparierten und von Philippe Jordan nicht durchgängig befeuerten Orchesterapparat Tribut zollen; aber das macht Hampsons schauspielerisch höchst glaubhafte Darstellung mehr als wett. Seine Kollegen überzeugen nicht minder, allen voran der machtvoll auftrumpfende Günther Groissböck (als Famulus Wagner, der – nomen est omen, ironischerweise – Fausts Nachfolger als Universitätsdirektor wird), der mephistophelisch gewitzte, tenoral furios schmetternde Gregory Kunde sowie die souverän auftretende Sandra Trattnigg als Herzogin von Parma. So vergehen denn auch die drei Opernstunden in Zürich erstaunlich schnell.

Christoph Braun, 02.05.2008



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