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Joseph Haydn

Sonaten, Menuette und Variationen für Klavier

Ragna Schirmer

Berlin Classics/Edel 0016302 BC
(108 Min., 9/2007) 2 CDs

Haydn ist schwer. Weil man das Schwere bei ihm wohl (an)sehen, aber nicht (an)hören darf. Das Schwere muss leicht klingen, eigentlich so, als sei es eine Pfauenfeder, die in der Ferne vorüber weht. Aber zugleich muss sie greifbar sein, diese Feder. Das ist das Schwierige bei Haydn, die Nähe und die Entfernung in eins zu setzen, das Sichtbare, Substanzielle und das Flüchtige, Fata-Morgana-Hafte, die ungefähre Welt. Viele Pianisten sind es nicht, denen es glückhaft gelungen ist. Brendel, natürlich, er hat immer den richtigen Ton gefunden, dazu gebietet er über jenen feinen Humor, der für Haydn so wichtig ist, das Verschmitzte. Aber auch Leif Ove Andsnes und Lars Vogt haben an guten Tagen das Geheimnis gelüftet. Und auch Ragna Schirmer. Ihre f-Moll-Variationen vor Jahren, sie waren herrlich. Jetzt ist ihr Weg zu Haydn ein anderer. Dass er funktioniert, überrascht. Aber er funktioniert. Schirmer spielt Haydn so, als habe sie Noten von Beethoven vor sich, wohlgemerkt: des jungen Beethoven. Sie spielt ihren Haydn männlich, auffahrend beinahe, mit leuchtendem Tonfall in den Ecksätzen, versunken in den langsamen Mittelsätzen. Oder sogar ein bisschen entrückt, schubertisch angehaucht, wie im "Adagio", mit dem die e-Moll-Sonate, etwas ungewohnt, anhebt. Ihr farbiger Klang ermöglicht es der Pianistin gerade in diesem wunderbaren Stück, tief in die Geheimnisse der Haydn’schen Schöpfungen vorzudringen. Interessant ist ihr Weg dorthin: Sie folgt einfach der Spur, die Haydn gelegt hat. Sie "geheimnisst" nichts hinein, dort, wo nichts ist. Sie überblendet nicht. Und: Sie spielt Haydn mit der Würde, die ihm zusteht, dort, wo sie ihm zusteht. Dort, wo er profan wird, wo er mehr Papa Haydn als Genius ist, in den Variationen etwa über die Hymne "Gott erhalte Franz den Kaiser", klingt er auch bei Ragna Schirmer profan. Mit einem Wort. Sie scheint ihn zu verstehen, den Joseph Haydn. Was so schwer ja gar nicht ist, wenn man so gut Klavier spielen kann wie diese junge Dame.

Tom Persich, 04.04.2008



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