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Dmitri Schostakowitsch

Das neue Babylon

SWR Rundfunkorchester Kaiserslautern, Frank Strobel

absolut Medien/arte edition
(93 Min., 1929/2005) 1 DVD, Leonid Kosinzew u. Leonid Trauberg (Buch u. Regie)

Als Klassiker des sowjetisch-russischen Kinos gilt "Das neue Babylon" von Leonid Kosinzew und Leonid Trauberg seit Langem. Die Musik dagegen, die Dmitri Schostakowitsch zur Uraufführung des 1929 entstandenen Stummfilmepos’ über Aufstieg und Niedergang der Pariser Commune schrieb, musste etwas länger auf Anerkennung warten. Während die damaligen Kinokapellmeister dem Film schon aus pekuniären Gründen bald lieber eigene Musik unterlegten, zeigte sich das Uraufführungspublikum irritiert von der unorthodoxen Art und Weise, in der Schostakowitsch musikalisch auf die Bilder reagierte. Zwar nimmt seine Musik den Rhythmus des mit bisher ungekannt rasanten Schnitten arbeitenden Films auf. Doch statt sich darauf zu beschränken, den emotionalen Gehalt der Bilder zu verstärken, setzt Schostakowitsch mit seiner aus vielfältigen Leitmotiven und Zitaten montierten Partitur gleichzeitig einen deutlichen Kontrapunkt zu dem sichtbaren Geschehen: Mal lässt er eine eingeblendete dräuende Trommel buchstäblich vom Eindruck der lärmenden Varietés übertönen, dann wiederum kombiniert er, während eine frivole Operettensängerin die konterrevolutionären Truppen anfeuert, eine grotesk deformierte Marseillaise mit dem Can Can.
Nun liegen zwar bereits verschiedene Fassungen der Musik auf CD vor und sind auch gelegentlich bei diversen Filmmusikkonzerten zu hören. Die ganze Vielschichtigkeit der Partitur erschließt sich allerdings nur beim wiederholten Hören und Sehen aller Elemente dieses Kunstwerks, das nicht zuletzt auch ein Filmmusiktheaterwerk sein wollte. Dass dieses nun erstmals in der authentischen, erst vor Kurzem nach dem Originalmanuskript rekonstruierten Musik der Uraufführungsfassung zu erleben ist, ist das Verdienst von Frank Strobel, der sich bereits vielfach durch die Entdeckung von Pionierwerken der Filmmusik hervorgetan hat. Das SWR Rundfunkorchester dirigiert er klar, durchsichtig, mit Theaterinstinkt und Tempo; lediglich in der Klimax des Films gelingt es ihm nicht, die gedrängten Emotionen der in wenigen Sekunden endgültige Entscheidungen zwischen Liebe, Tod und Leben fällenden Protagonisten auch musikalisch zuzuspitzen.

Carsten Niemann, 07.03.2008



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