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Pantheon

Patrick Bebelaar

dml records/Fenn Music CD-025
(80 Min., 9/2005) 1 CD

Kaum zu glauben, aber wahr: Johann Sebastian Bachs h-Moll-Messe inspirierte den Pianisten Patrick Bebelaar zur Komposition "Pantheon". Immerhin findet sich vordergründig in Bebelaars Komposition keine Melodie aus Bachs Meisterwerk. Bebelaar hat Bach nicht verjazzt. Im Gegenteil: Er hat – formal an Bachs Gliederung angelehnt – ein panreligiöses Werk geschaffen, das Einflüsse aus Buddhismus, Hinduismus, Christen- und Judentum, Islam und einer afrikanischen Naturreligion in 80 beseelten Minuten vereint. Was Bebelaar und seine Partner Fried Dähn auf Cello und Elektrocello, Michel Godard auf Tuba und Serpent, Herbert Joos auf Trompete, Flügelhorn und Alphorn, Frank Kroll auf Sopransaxofon und Bassklarinette und Carlo Rizzo mit Tamburin und Gesang ausführen, wirkt eher wie eine großartige weltmusikalische Komposition als wie eine Bachadaption. Unter anderem entlehnte er aus einer Aufnahme des Inders Ravi Shankars den Rhythmus des "Vandanaa Trayee", aus dem jüdischen Kulturkreis eine Melodie zum "Adoschem Adoschem – be ana Rochiz", aus dem islamischen Sufigesang eine Melodie aus "Die Sonne ging über dem Mond auf" und verwendete einen buddhistischen Mönchsgesang. Aus diesen Elementen komponierte er eine Folge von Solo- bis Sextettpassagen. Zwei Abschnitte ragen aus der intensiven, den Hörer tief berührenden Musik heraus: Zum einen eine Umdeutung des Chorals "O Haupt voll Blut und Wunden", den Bebelaar – wie schon in seiner "Passion" – so weit verändert, dass aus der protestantischen Verherrlichung des Leidens als Weg zur Erlösung ein aufwühlender Klagegesang wird. Zum anderen eine großartige Fortentwicklung der jüdischen Melodie des "Schalom Alechem", das – auch als Kontrast zu Bachs obrigkeitshörigen Schlusszeilen "Dona nobis pacem" – ein wesentlich optimistischeres Finale ermöglicht. Das am 9. September 2005 beim Europäischen Musikfest der Internationalen Bachakademie uraufgeführte und einen Tag später im Studio eingespielte "Pantheon" spiegelt in seiner unvergleichlichen, gefühlvollen und intellektuellen, zärtlichen und tiefgründigen Musik die Identitätsfindung innerhalb und jenseits der Weltreligionen. Wer Bebelaars eigene Analyse lesen möchte, findet sie unter www.bebelaar.de/pantheon.

Werner Stiefele, 07.03.2008



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