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Claudio Monteverdi

Achtes Madrigalbuch

Consort of Musicke

Virgin Classics/EMI 0777 7596202 4
(1989, 1990) Komponiert: vor 1638

Im "richtigen Leben" ist die Revolution ein Vorrecht der Jugend: Die Erstürmung von Barrikaden setzt schließlich eine gewisse Fitness voraus, die im hohen Alter nicht mehr angetroffen wird. Anders in der Kunst - hier geschehen die wirklich weitreichenden Umstürze häufig im Spätwerk eines Künstlers: Man denke an die späten Wahnvisionen Goyas, die späten Streichquartette und Klaviersonaten Beethovens, Bachs Kunst der Fuge oder auch an jenes achte Madrigalbuch, das Claudio Monteverdi mit einundsiebzig Jahren 1638 veröffentlichte.
Ein wenig geschummelt ist dieser Vergleich zwar schon, denn es ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass manche Werke schon zehn, zwanzig Jahre früher entstanden. Doch ihre Sammlung ist die bewusste Tat des Greises, der in ihnen so etwas wie ein musikalisches Testament formuliert: Die Affekte rühren soll seine Musik. Im achten Buch seiner Madrigale sind dies die Liebe und die kriegerische Wut, die sich in Text und Musik etwa dann berühren, wenn ein unerhört Schmachtender seine Liebste wie eine Festung belagert. Für die Entwicklung dieser für den Barock ungemein wichtigen musikalischen Doktrin seines "stilo rappresentativo" nutzte Monteverdi allerdings eine Form, das Madrigal, die zur Mitte des 17. Jahrhunderts hin schon im Niedergang begriffen war (darin Schönberg ähnlich, der seine Zwölfton-Musik auch in Allemande oder Gigue ausprobierte).
Den Interpreten stellt dieser Kunstgriff vor ein Problem. Wie direkt darf er sich dem Ausdruck der Gefühle überlassen? Die besondere Leistung Monteverdis in diesen Stücken besteht ja gerade darin, dass er die formale Geschlossenheit des Madrigals zwar dehnt, aber nicht zerstört. Man hört hier also keine Mini-Opern. Das ist der Grund, warum ich treuer Fan des Consort of Musicke bin. Denn gerade in den extrem ausdrucksstarken "Madrigali guerrieri" bleiben sie zum Getümmel immer auf Halbdistanz, lassen den Hörer merken, dass sie immer noch Kunst machen. Sie drücken einem die Gefühle, die in dieser Musik stecken, nicht aufs Ohr, sondern geben es dem Hörer auf, sie zu entschlüsseln. Hier wird auch die vokale Makellosigkeit der Herren des Consort deutlich, die der Emma Kirkbys in nichts nachsteht.

Stefan Heßbrüggen, 01.12.1999



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