Das gemeine deutsche Kind pflegt Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" in der Vorweihnachtszeit als sogenanntes "Weihnachtsmärchen" gemeinsam mit Omas, Opas oder Tanten kennenzulernen. Da mag es sich womöglich an bunten Bühnen-Farben, an Hexe und Pfefferkuchenhaus oder auch am lustigen Namen des Komponisten freuen und sich nebenbei ein bisschen darüber wundern, dass das kurze Märchen hier fast zwei Stunden lang dauert und dass Hänsel und Gretel von irgendwelchen kindisch sich gebärdenden dicklich-tremolierenden Sängerinnen dargestellt werden.
Wie schön - sprich: wie fein und gut gearbeitet - Humperdincks Partitur neben ihren zahlreichen im Volkston gehaltenen Kinderlied-Bearbeitungen und neben den nach-wagnerianischen Gesten des üppig dimensionierten Orchesters ist, wird in der Regel erst Erwachsenen bewusst. Und wenn eine Star-Besetzung wie hier unter Jeffrey Tate die beiden Titelrollen mit persönlicher Strahlkraft ausstattet, dann muss man "Hänsel und Gretel" einfach als wahres Meisterwerk des Musiktheaters schätzen - und ins Herz schließen.
Dabei wirken Anne-Sofie von Otter und Barbara Bonney, obwohl sie der Komponist ja weidlich mit kindlichem Liedgut betraut ("Brüderchen, komm tanz mit mir", "Suse, liebe Suse", "Abends, will ich schlafen gehn", "Ein Männlein steht im Walde"), nirgends betulich - im Gegenteil: Sehr ernst gehen beide Sängerinnen an ihre Rollen heran - und machen durch gestalterische Feinheit und stimmliche Frische wett, was sie den Bühnenfiguren an Lebensjahren voraus haben. Dass die Hexe hier nicht, wie sonst oft üblich, mit einem munter sprechschauspielernden Mann, sondern als Gesangsrolle mit der ausdrucksstarken Marjana Lipovšek besetzt wird, verleiht der Aufnahme ebenso einen zusätzliche Reiz wie die Tatsache, dass hier selbst für die kleinen Rollen von Sandmann und Taumann mit Barbara Hendricks und Eva Lind erstklassige Sängerinnen aufgeboten werden. Der Dirigent Jeffrey Tate beweist, dass ihm die differenzierte Orchesterbehandlung des ehemaligen Wagner-Assistenten Humperdinck wirklich am Herzen liegt. Dass diese Einspielung wahre Hingabe ihrer Interpreten atmet, ist nicht zuletzt auch sein Verdienst.

Susanne Benda, 01.12.1999



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Eine Reise zu zweit, a Journey for Two, haben sich Vashti Hunter und Jonian Ilias Kadesha dem Titel ihres ersten Duo-Albums nach vorgenommen. Doch wo soll sie hingehen? Als diskografisches Reiseziel erwählte das Musikerpaar die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, genauer die Musik von Iannis Xenakis, Zoltan Kodaly, Arthur Honegger und Nikos Skalkottas. Das Zusammenhalt stiftende Element dieser durchaus in die Repertoireperipherie führenden Zusammenstellung liegt in den volksmusikalischen […] mehr »


Top