Responsive image

Night Train

Oscar Peterson

Verve/Universal 521 440-2
(68 Min., 12/1962) 1 CD

Mit kraftvollen Dampfstößen fährt der "Night Train" an, und dann rollt er federnd über die Stöße der Schwellen. Er überquert Weichen, er passiert weite Landschaften, und nachdem die Lokomotive nochmals angezogen hat, gleitet er – symbolisiert durch ein Basssolo Ray Browns – gleichmäßig zu seinem Ziel. Mit dieser programmmusikalischen Version hat Oscar Peterson das von Duke Ellington komponierte "Happy-Go-Local" zu einem seiner Pianoklassiker verwandelt – und sich selbst einen sensationellen Erfolg beschert, denn das Album "Night Train" brachte dem kanadischen Schwergewicht auch außerhalb der Jazzszene die verdiente Anerkennung. Gemeinsam mit seinem Manager Norman Granz hatte Peterson die Stücke ausgewählt, und gemeinsam hatten sie darauf geachtet, dass fast alle Titel die für die Ausstrahlung im Rundfunk entscheidende Grenze von vier Minuten nicht überschritten. Dies zwang Peterson, den großartigen Melodiker Brown und den souverän Akzente setzenden Schlagzeuger Ed Thigpen zur Konzentration – und das Publikum wusste den Verzicht auf üppige Soli zu schätzen. Das Repertoire war so bluesgetränkt wie keine andere Scheibe Petersons. Doch bei allem Kokettieren mit Bluesklischees verfällt Peterson nie in pure Routine. Mit großartigem Gespür für spannende Momente spielt sich das Trio in "Honeydripper" von einer kleinen, fast monotonen Tonbewegung zu einem elegant swingenden Blues. Auch in den Ellingtonkompositionen "C-Jam Blues" und "Band Call" dienen wenige markant angeschlagene Töne als Ausgangspunkt für attraktive, von Breaks durchbrochene Linien. Den Ellingtonklassiker "I Got it Bad (and that Ain’t Good)" kann man kaum noch schöner und nachdenklicher als dieses Trio interpretieren. Ähnlich stark berühren die langsame Trioversion der Ellingtonkomposition "Things Ain’t what They Used to Be", des von Hoagy Carmichael komponierten Standards "Georgia on my Mind", Eddie Durhams "Moten Swing", Sy Olivers "Easy Does it" sowie "Bag’s Groove", das Milt Jackson ursprünglich für das Modern Jazz Quartet geschrieben hatte. Fast immer galt für Oscar Peterson der selbst formulierte Grundsatz: "Man spielt Musik und man redet über Politik. Das sollte man nicht vermischen." Mit der gospelartigen "Hymn to Freedom" machte er eine Ausnahme. "Musik ist immer mit Schmerzen, Verletzungen und Leiden verbunden", sagt er. "Ich schrieb den sanften, langsamen Blues ‘Hymn to Freedom’ während der Zeit der Bürgerrechtsbewegung." Diese fast sakrale Nummer beschloss die ursprüngliche LP. In einer CD-Ausgabe von 1997 ergänzen eine unverbindliche Version von "Volare", ein seltsam endendes "My Heart Belongs to Daddy", eine Zweitversion von "Night Train" und zwei unvollständige Takes das Repertoire. Sie verdeutlichen Petersons Willen zur Perfektion, denn keiner der Bonus Tracks ist so homogen wie die veröffentlichten Versionen. Das ursprüngliche Album "Night Train" nimmt unter den vielen zu Meilensteinen des Jazz gewordenen Meisterwerken eine Sonderstellung ein. Seine Reise ist beendet. Oscar Peterson, geboren am 15. August 1925, starb am 23. Dezember 2007 zuhause in Mississauga in der Nähe von Toronto.

Werner Stiefele, 08.02.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Es liegt etwas Flirrendes, Sommerliches, ungemein Modernes in der französischen Musik zwischen 1900 und dem Erstem Weltkrieg, ein Aufbruch, der erst recht vollzogen werden konnte, als sich ein paar Komponisten gegen die Übermacht der Tonsprache Richard Wagners zu stemmen begannen. Doch was könnte man einer so perfekt ausgearbeiteten, fließenden Romantik entgegenstellen? Diese Frage führte Claude Debussy und Maurice Ravel dazu, sich im spielerischen Umgang mit der Vergangenheit neue […] mehr »


Top