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Turtles

Olaf Kübler

Enja/Soulfood 9512-2
(61 Min., 8/1968) 1 CD

Es waren wilde Jahre. Zumindest in der verklärenden Erinnerung. Damals, 1968, der Prager Frühling war gerade durch russische Panzer erstickt worden, muss – so will es das Klischee – die Jazzwelt im Umbruch gewesen sein. Mit dem Abstand von 40 Jahren hört sich selbst jene Musik, die sich von den swingenden Traditionen ein wenig entfernte, etwas weniger aufrührerischer an, als man sie damals empfand. Dies trifft auch auf den als Zeitdokument wertvollen Livemitschnitt "Turtles" zu. Er entstand in jenem Jahr, als der Pianist Jan Jammer und der Bassist Jiri Mraz – später wurde er als George Mraz ein Weltstar – als Flüchtlinge aus der CSSR in der Künstlerwohnung oberhalb des Münchner Jazzclubs Domicil wohnten. Abend für Abend, fast ein Vierteljahr lang, traten sie mit dem Saxofonisten Olaf und dem Schlagzeuger Cees See in dem Club auf. Entsprechend homogen fiel auch die am 31. August 1968 aufgezeichnete Session aus. Der dunkle, grummelnde Klang des Basses wurde damals als revolutionär empfunden. Nein, man spielte nicht free, man swingte aber auch nicht mehr so elegant wie die Traditionalisten, sondern orientierte sich vage am bluesbetonten Souljazz der 1950er Jahre. Dabei prägten die klaren Saxofonmelodien von Olaf Kübler den Gesamteindruck. Andererseits flossen die zehn Stücke ohne große Veränderungen in Tempo oder Dynamik voran. Das macht den Mitschnitt zu einem musikgeschichtlich interessanten Bindeglied zwischen swingendem Jazz und dem ab 1967 immer deutlicher aufkeimenden Rockjazz.

Werner Stiefele, 16.11.2007



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