Der Aufnahmen-Katalog von George Bizets Carmen ist lang, aber qualitativ durchaus wechselhaft. Gewöhnlich werden Beechams Einspielung von 1958/59 mit Victoria de los Angeles und Nicolai Gedda (EMI) sowie Abbados 1977er Version mit Teresa Berganza und Plácido Domingo (DG) empfohlen. Aber es gibt auch verborgene Schätze, die nicht dauerhaft auf dem Markt präsent sind und daher eher Geheimtipp bleiben. Ein solcher hat kürzlich Eingang in die Naxos-Historical-Reihe "Great Opera Performances" gefunden: André Cluytens Carmen-Produktion von 1950 mit dem legendären Ensemble der Pariser Opéra Comique, bisher auf deutschem Boden nicht leicht zu bekommen.
Solange Michel (geb. 1912), die Sängerin der Titelpartie, war eine der beliebtesten französischen Mezzosopranistinnen jener Tage; einst aus dem Opernchor heraus zur gefragten Solistin geworden, sang sie allein die Carmen viele hundert Male. Sie geht diese Partie überraschend unprätentiös an, ohne aufgesetztes Erotik-Flair; stattdessen präsentiert sie die Zigeunerin als willensstarke, geradlinige Frau, die ihren Freiheitsdrang kompromisslos auslebt. Der Frankokanadier Raoul Jobin (1906-1074), auch er ein gefragter Star seit den 30er Jahren, überwältigt mit einer metallisch-kraftvollen Stimme, die zwar nicht über eine breite Palette an weichen Nuancen verfügt, aber in der dramatischen Attacke den Hörer umso mehr fesselt. Das Goldstück der Einspielung ist jedoch die korsische Sopranistin Martha Angelici (1907-1973). Ihre derzeitige Präsenz auf Tonträgern hält sich sehr in Grenzen, obwohl sie an vielen Aufnahmen beteiligt war. Umso mehr lohnt es sich, sie als Micaëla zu erleben: Ehrlicher, reizender, bewegender und stimmschöner kann man diese Rolle wohl kaum zum Leben erwecken. Auch der vierte im Bunde, wen wundert’s, war einst ein äußerst populärer Sänger: Dem Bariton Michel Dens (1911-2000) war eine lange, erfüllte Karriere vergönnt; mit seiner schönen, sicher geführten Stimme erfreute er sein Publikum in zahlreichen Rollen, und den Escamillo bewältigt er ohne übertriebenes Pathos mit Brillanz und Geschmeidigkeit. Ein Schwachpunkt dieser insgesamt stringenten, unmittelbar ansprechenden Aufnahme sei jedoch nicht verschwiegen: Der Chor der Opéra comique war damals leider schlecht disponiert und verwundert durch biederen, laienhaften Klang; nun, das ist nicht zu ändern, aber die fabelhaften Leistungen der vier Hauptdarsteller haben zeitlose Gültigkeit und sollten daher unbedingt einem breiteren Publikum bekannt werden.

04.05.2003



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