An namhaften Solisten fehlt es dieser Aufnahme nicht, und die musikalische Qualität ist auch wirklich enorm: Gheorghiu singt eine Carmen, die zwar das weiche, tiefe Timbre vermissen lässt, die der Partie aber sicherlich mehr als gewachsen ist; Alagna gibt einen eindrucksvollen José, der vor allem durch die Herbheit der Stimme überzeugt; Mula gestaltet die Micaëla ausdrucksvoll und Hampson ist ein Escamillo von Format und Schönklang. Großartig und elegant sind die transparenten Chöre musiziert, vorbildlich vor allem der Kinderchor aus Toulouse, der durch seine klare Diktion verblüfft. Das Orchestre National du Capitole de Toulouse unter Michel Plasson musiziert mit Hingabe. Außerdem gibt’s als besonderes Highlight eine Carmen-Arie von Bizet, die lange Zeit als verschollen galt und nun erstmals auf CD zu hören ist. Alles in allem also die besten Voraussetzungen für eine Jahrhundert-Carmen. Und dennoch überzeugt die Aufnahme nicht.
Das Problem dieser Einspielung ist, dass es ihr an Biss und Kraft fehlt. Sie ist zu glatt. Da gibt es keine musikalischen Reibungsflächen, von denen die Oper lebt und auf die im Booklet auch so treffend hingewiesen wird. Es wirkt alles wie durch Weichspüler gezogen. So kommen einem die Soldaten völlig ungefährlich vor, und die Arbeiterinnen könnten ebenso Novizinnen sein. Da gibt es nichts Unerwartetes, kein Geheimnis und Carmens Leidenschaft für das Leben und die Liebe bleibt auf der Strecke. Von der Ankündigung “Verführung und Leidenschaft pur. Bizets Erfolgsoper in einer heißblütigen, konkurrenzlosen Starbesetzung” bleibt leider nur die Starbesetzung übrig.

Karin Dietrich, 29.03.2003



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