Manchmal entstehen aus Kompositionsaufträgen Jahrhundertwerke: 1962 wurde der Neubau der Kathedrale von Coventry, die über zwanzig Jahre zuvor bei einem deutschen Bombenangriff zerstört worden war, eingeweiht. Zur Feier dieses Ereignisses schuf Benjamin Britten ein Werk, in dem er seinen pazifistischen Idealen, denen er ein Leben lang treu blieb, musikalischen Ausdruck verlieh. Eine herkömmliche geistliche Komposition kam für Britten nicht in Frage. Er entschied sich statt dessen dafür, den Ritus der lateinischen Totenmesse mit Vertonungen von Antikriegsgedichten Wilfred Owens zu kombinieren.
Owen machte in seinen Gedichten die Schrecken des Ersten Weltkriegs zum Thema, den er selbst erlebte und in dem er 1918, eine Woche vor Waffenstillstand, fiel. Als Motto setzte Britten die Worte Owens vor seine Partitur: "Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen". Die pazifistische und völkerübergreifende Botschaft des Werks schlägt sich auch in der Auswahl der Solisten nieder: Das "War Requiem" wurde für den englischen Tenor Peter Pears, den deutschen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau und die russische Sopranistin Galina Wischnewskaja komponiert.
Britten übernahm in sein Werk Prinzipien des Mahlerschen Raumklangs, in dem er den Klangkörper in drei Ebenen gliederte: Chor, Solosopran und großes Orchester für das "eigentliche" Requiem, Tenor, Bariton und ein Kammerorchester für die Vertonungen der Gedichte Owens, und, in der Höhe postiert, Knabenchor und Orgel als Ausdruck des Überzeitlichen. Britten findet im "War Requiem" zu einer sofort zugänglichen, gleichwohl niemals beliebigen Tonsprache, die viel von Ausführenden und Hörern fordert, aber ungleich mehr gibt. Die Zeile "Let us sleep now" am Ende des letzten Owen-Gedichts ist in ihrer friedvollen und traurigen Resignation der bewegendste Moment der Partitur. Im "War Requiem" schuf Britten eines der großen Bekenntniswerke - nicht nur des 20. Jahrhunderts.
Benjamin Brittens eigene Aufnahme, mit den Widmungsträgern als Solisten, ist in ihrer Eindringlichkeit bis heute konkurrenzlos. Besonders Pears und Fischer-Dieskau gelingt es, so unmittelbar jene persönliche Anliegen zu vermitteln, die Britten in das Werk einkomponierte, dass man schon fast nicht mehr von einer "Interpretation" sprechen mag.

Thomas Schulz, 01.12.1999



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