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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



Hector Berlioz

Symphonie fantastique

Cleveland Orchestra, Lorin Maazel

Telarc/In-Akustik 80076
(1982) DDD

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Hector Berlioz

Symphonie fantastique

San Francisco Symphony Orchestra, Michael Tilson Thomas

RCA/BMG 09026 68930 2
(1997, 1998) DDD

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Der Untertitel dieser wahrhaft Fantastischen Sinfonie (und ihrer Fortsetzung "Lélio") lautet: "Episode aus dem Leben eines Künstlers", und damit verrät Berlioz uns auch gleich, wer gemeint ist: er selbst. Vernarrt in die egomanen Dichtungen Lord Byrons, aber auch sich identifizierend mit den einsamen, zwiegespaltenen Helden des Goetheschen "Faust" und der Dramen Shakespeares, komponierte er etwas völlig Neues: ein Stück zum halluzinatorischen Tonpoem gesteigerter Autobiografie. Die unerreichbare Geliebte, deren Thema als idée fixe durch das ganze Werk geistert, war "im Leben" die Shakespeare-Darstellerin Harriet Smithson, nach der Berlioz schmachtete - und über deren Ablehnung er beinah verschmachtete. (Als er sie dann doch noch bekam, später, und sogar ehelichte, verflog der Zauber rasch: Sie war natürlich nicht die in Fieberträumen Idealisierte - welche Frau könnte das sein.) Schon im ersten Satz allerdings distanziert Berlioz sich auch wieder: "Träume. Leidenschaften" ist er überschrieben, das Triebmittel all dieser Fantasien bis hin zum Tod auf dem Schafott und anschließendem Hexensabbath soll sein - Opium.
Zwei gerade in ihrer gläsernen Präzision rauschhafte Interpretationen sind als gleichwertig zu empfehlen: Einmal Lorin Maazels mit dem Cleveland-Orchester (aber die Telarc-Version, nicht die bei Sony im selben Jahr aufgenommene. Die ist zwar auch gut, hat aber nicht diese gnadenlos-kristalline Klangqualität, mit der Telarc Furore machte). Maazel dirigiert schiere Perfektion, also durchaus eine Art Opiumrausch, denn das Gift des Mohns soll ja - wie Ernst Jünger berichtete - die Sinne eher schärfen als vernebeln, wenn auch die Sinne nach innen. Maazel und sein Toningenieur Jack Renner kosten jeden der exzentrischen Orchestereffekte bis zur dynamischen Grenze hin aus, nie zum Beispiel hat die Große Trommel beim "Hexensabbath", zusammen mit dem schauerlichen "Dies irae", so unerbittlich Zeichen gegeben, dass Verdammnis folgen wird!
Michael Tilson Thomas in San Franzisko kommt es weniger auf "Opiumeffekte" an als auf die Innenspannung einer geradezu psychoanalytisch durchforschten Partitur: Er durchleuchtet mit seinem nicht minder brillanten Orchester (und ebensolcher Tontechnik) die Psyche des Komponisten bis in den letzten Winkel; bei ihm werden Dinge hörbar, Seitenstimmen, kleinlaute Einwürfe, subtile Akzente und schieres Geflecht, alles, was man sonst nur, soweit ausgebildet, beim rigorosesten Studium der Partitur fände - im Konzertsaal so gut wie nie, auf Platte äußerst selten. Und dennoch zerfällt das nicht in akribische Fußnoten, sondern hat Atem und auch Biss. Der so verwegene wie formstrenge Künstler Berlioz wurde nie getreuer porträtiert. Und, ganz nebenbei: Tilson Thomas spielte auch noch drei Stücke dieses seltsamen Monodrams "Lélio" ein, das für Berlioz die Sinfonie "fortsetzte".

Thomas Rübenacker




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