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Hector Berlioz

Lyrische Szenen/Kantaten: Herminie, La mort de Cléopâtre, La mort de Sardanapale, La mort d‘Orphée

Michèle Lagrange, Béatrice Uria-Monzon, Daniel Galvez-Vallejo, Chor Regional Nord/Pas-de-Calais, Nationalorchester Lille, Region Nord/Pas-de-Calais, Jean-Claude Casadesus,

Naxos 8.55 5810
(61 Min., 10/1994, 11/1995) 1 CD

Sie gehören nicht eben zum Standard-Repertoire, allenfalls "La Mort de Cléopâtre" ist ab und an zu hören. Berlioz' zwischen 1826 und 1830 komponierte lyrische Szenen bzw. Kantaten sind zwar noch Produkte eines Pariser Conservatoire-Studenten, sie besitzen jedoch schon über weite Strecken jene unverwechselbar lyrisch-dramatische, allein vom leidenschaftlichen Ego ihres Schöpfers genährte Tonsprache, die die Zeitgenossen entweder ratlos machte oder in Rage brachte (Die "Herminie"-Kantate wartet darüber hinaus explizit bereits mit dem Thema der "idée fixe" der zwei Jahr später konzipierten "Symphonie fantastique" auf).
Dem Enfant terrible brachten die vier Werke eigentlich nur Frust: viermal hintereinander nahm Berlioz mit ihnen am Rom-Preis teil – dreimal vergeblich. Bei dieser prestigeträchtigen Pariser Talentprobe, bei der dem Gewinner ein Fünfjahresstipendium und ein obligatorischer Italienaufenthalt winkte, wurde den Kandidaten ein Text (meist mythologisch-antikisierenden Inhalts) vorgegeben, der nach strengen Regeln binnen vier Wochen in Klausur zu vertonen war. Kandidat Berlioz schockte die Juroren dreimal, bis er sich schließlich - zumindest halbwegs - den verhassten Form-Vorgaben fügte. So erhielt er 1830 den ersehnten Preis – bezeichnenderweise für "La Mort de Sardanapale", dessen Partitur er bald wieder vernichtete (wobei Teilstücke dennoch überliefert wurden).
Sicher: der Pariser Zeitgeschmack war denkbar konservativ, verknöchert-akademisch, und der Hass des jungen Ungestümen auf die "elenden Bewohner des Tempels der Routine" ist durchaus nachvollziehbar. Aber wenn unsereiner sich heutzutage – zweihundert Jahre nach Berlioz' Geburtsjahr - so bequem liberal gibt, dann vergisst er leicht, dass Berlioz seinen Zeitgenossen keine leichte Kost verabreichte. Angefangen vom eröffnenden Tritonus-Sprung der "Herminie" über die abrupten und ganz eigenwilligen Harmonie- und Rhythmenwechsel der "Kleopatra" bis zu manisch-tobsüchtigen Ausbrüchen des "Opheus": den an klassischen Formen gewohnten Hörern wie erst recht den Ausführenden sind diese gänzlich unzeitgemäßen "Experimente" des jungen Berlioz nach wie vor eine Herausforderung.
Die drei Solisten der bereits neun Jahre alten, jetzt im Berlioz'schen Jubeljahr veröffentlichten Aufnahmen erfüllen diese Anforderungen mit Bravour, wobei Michèle Lagrange und Béatrice Uria-Monzon ihre "Herminie" bzw. "Kleopatra" mit noch größerer Expressivität und stimmlicher Wandlungsfähigkeit zu Gehör bringen als der im Timbre eher baritonal gedämpfte denn heldenhaft strahlende Tenor Daniel Galvez Vallejo. Jean-Claude Casadesus' Orchester zeigt sich den Berlioz'schen Wechselbädern in punkto Dramatik und zupackender Entladungen bestens gewachsen; auch die Kantilenen des "Orpheus" verströmen ihren wunderbar sehnsuchtsvollen Schmelz. Was hingegen zu kurz kommt, ist der akkurate Feinschliff in den wegen ihrer Rhythmuswechsel gefürchteten Rezitativen. Gleichwohl: eine würdige, überfällige Repertoire-Erinnerung und -Bereicherung.

Christoph Braun, 25.10.2003



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