Wenn etwas unvergessen bleiben wird in Rubinsteins Diskografie, dann sind es neben Chopins Mazurken und Polonaisen wahrscheinlich die beiden Brahms-Konzerte. Gleich seine erste Plattenaufnahme im Oktober 1929 galt dem zweiten Konzert in B-Dur (Vol. 1). Das schnittige Tempo nimmt dem Kopfsatz zwar an Gewicht, dafür gewinnt er aber bei dieser Verfüssigung konstruktiver Passagen in pianistische Glut einen ungewohnt konzertanten Glanz. Auch die Akkord-Repetitionen im Mittelteil des Andantes hört man überraschenderweise als fast kadenzierend-vorwärtsdrängende Gebilde.
Als Rubinstein das Werk 1952 unter Charles Munch erneut einspielte (Vol. 22), war die provozierende Schärfe im ersten Satz schon zu einer Gelassenheit abgemildert, die nicht mehr jeden Solo-Einwurf forciert, sondern sich gestattet, gelegentlich auch nur sacht zur Seite zu sprechen. Im Andante, nun fast zwei Minuten langsamer, ist die vage Unruhe von 1929 betörend erlauschten Farbwerten gewichen. Nur sechs Jahre später folgte die Version mit Joesf Krips (Vol. 38). Die Evolution der Aufnahmetechnik in dieser kurzen Spanne ist eindrucksvoll. Vielleicht hindert uns diese Verbesserung aber anzuerkennen, dass die Bostoner unter Munch den Orchesterpart doch raffinierter, nordisch-verhangener spielten.
Rubinsteins Klangsinn, das Vermögen, den mächtigen Akkordgängen leuchtende Fülle abzugewinnen, hat allerdings hier seinen Scheitelpunkt erreicht. Die Zeit verging, und immer noch hatte Rubinstein sein geliebtes Konzert im Repertoire. Längst war er über achtzig, als der greise Wilhelm Backhaus 1967 mit Karl Böhm seine berühmte Aufnahme herausbrachte. Da mag Rubinstein sich gesagt haben, das kann ich - mit fünfundachtzig! - feuriger, und so geschah das Erstaunliche im November 1971 (Vol. 71). Die Leichtigkeit, mit der er die Sprünge und Triller im Kopfsatz abliefert, ist mirakulös. In der gläserneren Kühle des Andantes meint man einen versteckten Wink zu seiner ganz frühen Aufnahme zu bemerkten - und der Kreis schließt sich.
Auch vom ersten Brahms-Konzert hat Rubinstein drei völlig unterschiedliche Versionen hinterlassen. Die herrische Schroffheit, mit der Fritz Reiner 1954 den Orchesterpart gab (Vol. 34), mag Rubinstein gereizt haben, gerade im Kopfsatz seinerseits recht forsch anzugreifen. Dieser Fassung, reich an Dramatik und Leidenschaft, steht die viel grüblerische Interpretation unter Leinsdorf (1964) gegenüber (Vol. 59). Wie kunstlos - fast zu rasch, denkt man erst - spielt er das choralhafte zweite Thema, doch wie viel Tiefsinn hinter dieser höchsten Gefühlsschlichtheit steht, ist erst im Vergleich mit anderen Interpreten zu würdigen. Als wollte er seine Kraftleistung mit dem B-Dur-Konzert noch überbieten, spielte der Achtundachtzigährige 1975 auch das erste Brahms-Konzert ein drittes Mal ein (Vol. 81); gar nicht altersweise, sondern wirklich "alterswild" musizierte er mit mehr innerer Glut und Beteiligung als bei Leinsdorf, doch auch eine Ahnung von schwerelosem Glück fängt er in den wenigen Dur-Passagen der Durchführung ein.
Rubinstein Liaison mit den Chopin-Konzerten dauerte ebenfalls sein Leben lang. Hatte er noch die herbsten Passagen des zweiten Brahms-Konzertes von einer liebenswert-parlierenden Seite zeigen können, so geschieht hier das Gegenteil. Er singt auch dort mit ruhiger, voller Stimme, wo andere nur durch Glitzerpassagen hetzen. Man spürt den ganzen abwägenden Ernst, bewundert die warme, sonore Schönheit, in die er das geadelte Frühwerk entlässt. Die Versionen mit Alfred Wallenstein scheinen mir, auch in Hinblick auf die Orchester, am Gelungensten (Vol. 17, Nr.1, und Vol. 44, Nr.2), auch wenn die späteren vielleicht noch runder klingen.
Als wollte er der Welt zeigen, wie wichtig ihm auch dieser Meister ist, hat er alle Beethoven-Konzerte dreimal eingespielt, sein Lieblingskonzert, das dritte in c-Moll, sogar viermal. Gleich die erste Fassung dokumentiert, live, seine einzige Zusammenarbeit mit Arturo Toscanini (Vol. 14). Da ist das typische schneidende Brio, zupackende Härte, und gleichsam nebenbei beweisen die beiden, wie opernhaft dieses Stück eben auch klingen kann. Von den Gesamtaufnahmen gefällt mir die erste, die er 1956 mit Krips machte, am besten (Vol. 36). Spielfreude und Eleganz leuchten auch im fünften Konzert auf, wo viele Interpreten dem beethovenschen "Staatspathos" erliegen. Bei seinem zweiten Anlauf (Vol. 56-58) unter Leinsdorf ist Rubinstein dann überraschend spröde und zurückhaltend, so als müsse er alle Kritiker von einer neugewonnenen Analytik überzeugen.
Es gab tatsächlich in dieser Sammlung auch Stücke, die mich enttäuschten, etwa die seinerzeit am besten verkaufte Platte, das zweite Rachmaninow-Konzert mit Reiner (Vol. 35). Beide lieben dieses Werk nicht besonders und versuchen sich versachlichend aus seiner gefühsgetränkten Welt zu stehlen. Das lässt uns Hörer ausgesprochen kalt.

Kammermusik

Das allerkostbarste in Rubinsteins Vermächtnis sind für mich seine Kammermusik-Aufnahmen. Einige zählen zu den schönsten Platten aller Zeiten. Ganz sicherlich die Franck-Sonate mit Heifetz (1937) (Vol. 7). Rubinstein und Heifetz mochten sich nicht, aber das überschattet diese Darbietung nicht, die wie keine andere der emotionalen Spannweite dieser Sonate von dekandent verfeinerter Chormatik zu größter Wildheit gerecht wird.
Voller jugendlichem Weltschmerz ist die frühe Einspielung von Brahms‘ Cellosonate e-Moll mit Piatigorsky (1938). Ganz anders als mit Heifetz, dessen etwas frostiger Nüchternheit sich auch Rubinstein nicht ganz entziehen konnte, durfte er mit Piatigorsky schweifen und leiden (Vol. 3). Dass der Beiheft-Kommentator Sachs diese Version für misslungen hält, scheint mir absurd.
Die schwierige Verbindung mit Heifetz bescherte uns immerhin noch sechs unvergleichliche Trioaufnahmen, die 1941 und 1950 entstanden. Ein Sinn für Klarheit und Proportion, ein luzider Schwung zeichnet sie alle aus; im Ravel-Trio (Vol. 25) wird diese Klarheit geradezu gleißend. Wenn man die These untermauern wollte, Ravel habe mit dem Sensualismus der impressionistischen Schule wenig gemein, dann anhand dieses Spiels. Dieser Ravel hat Sehnen und Muskeln, die im harten Licht sonnenverbrannter Landstriche in heftigste Bewegung gebracht werden.
Ende der Sechziger fand Rubinstein in dem Guarneri-Quartett noch einmal ideale Kammermusik-Partner, und wir verdanken diesem reichen "Nachsommer" eine Serie wunderschöner Aufnahmen: Quartette und Quintette von Mozart, Brahms, Fauré und Schumann. Wenn das überhaupt möglich ist, dann überragt für mich eine dieser Aufnahmen das Gebirge: Das dritte Klavierquartett op. 60 von Brahms (Vol. 65). Ich kenne keine einzige Interpretation, die die Zerrissenheit dieses Stücks, an dem Brahms zwanzig Jahre zwischen Verzweiflung, Reife und milder Resignation arbeitete, erregender nacherleben ließe. Die Stimmung des ersten Satzes ist brutal und katastrofisch, und Rubinstein spielt seine ganze kahle Wut unmildernd aus. Es dauert drei Sätze, bis sich die Nachbeben im Finale gelegt haben.

Matthias Kornemann, 01.01.2000



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