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N° 1290
28.01. - 03.02.2023

nächste Aktualisierung
am 04.02.2023



Ein wahres Unikum in der Gattung der Totenmessen ist Berlioz Beitrag von 1837. Weniger der gigantischen Besetzung wegen, die mit ihren Hundertschaften an Orchester- und Chormassen, vier Fernorchestern und einer riesigen Schlagbatterie Gewalttätiges erwarten lässt. Noch mehr frappieren die scheinbar paradoxen Klangwirkungen: Der größte Klangmagier und -Experimentator des 19. Jahrhunderts lässt seine Truppen nicht nur zum Höllenlärm (im Wortsinn) aufmarschieren, er verlangt auch größte Zurückhaltung von ihnen. So überrascht er etwa mit einem meditativen, an mittelalterliche Leidensprozessionen erinnernden Dies-irae-Beginn und lässt im Sanctus die Himmelssphären im Pianissimo der zahlreichen Becken-Spieler aufscheinen. Und wie er Himmel und Hölle derart in der Kopplung dreier Flöten mit acht tiefen Posaunen versinnbildt - das ist einer jener genialen, revolutionären Instrumentationseinfälle Berlioz'.
Charles Dutoit gelingt mit seinen kanadischen Musikern und Decca-Toningenieuren eine klangtechnisch hervorragend ausgelotete Vermittlung von Berlioz' Klangraum-Fantasien. Allerdings gerieten die meditativ-asketischen Abschnitte eindringlicher als die der brachialen Entladung. Letzteres liegt nicht am gleichermassen kompakt wie durchsichtig aufspielenden Orchester aus Montreal, sondern am Chor, der zwar viele Kehlen zählt, an Artikulation und Strahlkraft vor allem im Tenor und Sopran jedoch zu wünschen übrig lässt.
Das Tenor-Solo im Sanctus bleibt bei John Mark Ainsley eine heikle, allzu tremoloreiche Gratwanderung zwischen verkitschtem Frömmeln und heiligem Schauer. Dutoits Berlioz-Beitrag verbleibt jedenfalls ein wenig im Schatten der legendären Berlioz-Exegeten Colin Davis und seines Lehrers Charles Munch.

Christoph Braun, 28.10.1999



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