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Hector Berlioz

L’Enfance du Christ, Chœurs et mélodies

John Mark Ainsley, Susan Graham, François Le Roux, Andrew Wentzel, Sinfonieorchester Montreal, Chor von Montreal, Charles Dutoit

Decca 458 915-2
(119 Min., 1995, 1996) 2 CDs

Eine "Trilogie sacrée", deren musikalische Keimzelle Hector Berlioz 1850 in ein Gästebuch komponierte, erlangte in der Folge schicksalhafte Bedeutung für ihn: Weil das spontan hingeworfene Stück in ihm Assoziationen an die Hirten, die Jesu Geburt beiwohnten, erweckte, weitete er es zu einer Kantate aus und fügte es als angeblich wiederentdecktes Werk aus dem 17. Jahrhundert unter Pseudonym einem Konzertprogramm bei. Berlioz musste erleben, dass das Stück dem Publikum ausgesprochen gut gefiel und in dem Unwissen darum, dass es von ihm war, sogar gegen andere seiner Kompositionen ausgespielt wurde. Fast widerwillig baute er es zur Dreiteiligkeit aus und erlebte 1854 den größten Erfolg seiner Laufbahn damit, was ihn im Blick auf seine anderen Werke verbitterte. Dennoch ermutigte ihn dieser Erfolg, das aufgegebene Komponieren wieder zu beginnen, aber er konnte an den unerwarteten Triumph niemals mehr anknüpfen.
Der Text des Werks, von Berlioz selbst gedichtet, kommt ohne jene enge Bindung an Bibelwort und Choral aus, die den Oratorien des Barock zu eigen war. Berlioz fantasierte vielmehr über die möglichen Ereignisse im Zusammenhang mit dem Kindermord des Herodes und der Flucht nach Ägypten. Herodes darf in einer eigenen Arie die Probleme des Regierens und die damit verbundene Entbehrung eines einfachen Lebens beklagen, was ihn vor seiner Bluttat wohl sympathisch machen soll. Hier und da liefert das Libretto Anlässe für kleine Genrestücke des Orchesters wie etwa die Hausmusik der Ismaeliten, bei denen die Heilige Familie in Ägypten Zuflucht findet.
Die eigenwillige Anlage des Stücks bot Berlioz immerhin Anlass zu einer sehr reizvolle Musik. Unter den Gesangssolisten dieser Aufnahme sticht vor allem Andrew Wetzel als Vater der ismaelitischen Familie hervor. Seine warme, kernige Bassbaritonstimme ist weitaus charaktervoller als die von François Leroux, der gemeinsam mit Susan Graham dennoch ein überzeugendes Elternpaar abgibt. Schön gestaltet auch John Mark Ainsley die Erzählerpartie. Schwachpunkt der Produktion ist der Chor: Er neigt stark zur Unsauberkeit und Inhomogenität. Bedauerlich, dass hier nicht bessere Arbeit geleistet werden konnte.

23.11.2000



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