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Diverse

The Barbirolli English Music Album

Hallé Orchestra, John Barbirolli

Dutton/Harmonia Mundi CDSJB 1022
(140 Min., 1947 - 1957) 2 CDs

Immer noch meldet sich eine verlegene innere Stimme, die eine wortreiche Rechtfertigung entwirft, während man eingesteht, dass man diese Musik liebt. Das danken wir den Hütern der Flamme musikalischen Fortschrittsdenkens, die die britischen Spätromantiker gerne aus der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts verbannten.
Bax, Ireland, Vaughan Williams, sie lebten in einem Jahrhundert, das das ihre immer weniger war, und sie komponierten tapfer gegen dieses Bewusstsein der Verlorenheit an. Doch wer sich nicht einschüchtern lässt von verächtlichen Kommentaren, der wird bemerken, dass uns diese Schöpfungen einer nicht endenwollenden Dämmerung der Romantik einiges zu erzählen haben über eine Zeit, die den Weberns und Strawinskis nicht allein gehörte.
Das sprechendste aller Werke auf dieser Doppel-CD ist George Butterworths Orchesterrhapsodie "A Shropshire Lad". Hinter diesem so rustikal lautenden Titel steht ein Gedichtband, den die britische Jugend vor 1914 etwa so verinnerlicht hatte wie die deutsche Rilkes "Cornet". E. A. Houseman erweckt in seinen antikisierenden Versen eine Welt ländlichen Idylls, die es im industrialisierten England schon längst nicht mehr gab. 1914 ging auch die Spätlingsgeneration dahin, die sich noch danach gesehnt hatte. Butterworths Musik, die sich aus zwei bittersüßen, ganz kunstlos-schlichten Liedgedanken entfaltet, destilliert dieses Gefühl von Verlust und Rückblick zu einer so eindringlichen, unsentimentalen Dichte, wie sie nur wenige Werke vor 1914 erreichen. Kein Wagnerzauber, kein impressionistisches Schillern bricht in die Schlichtheit dieser Elegie ein.
Was für ein Kontrast dazu ist Arnold Bax' "Garden Of Fand", eines der Paradewerke des musikalischen "Style décadent"; kaleidoskopisch gemengt die Zitate aus Wagner, Delius und - seltsamerweise - Debussys "Jeux", verknüpft zu jugendstilhaften Ranken keltischer Färbung. Wenn sich irgendwo der Universalstil des Fin de siècle in der Musik niedergeschlagen hat, dann hier. Warum aber ist dieses Stil-Sammelbecken doch ungleich mehr als eine kitschige Addition ornamentaler Zitate? Ich glaube, den britischen Komponisten der zweiten Generation - alle wurden sie von Stanford und Parry ausgebildet - gelang es, die Lücken zwischen den pompösen und raffinierten Versatzstücken kontinentaler Moden von Strauss bis Ravel mit einer schwer zu fassenden persönlichen Emotionalität zu füllen, wie es sie in der französischen oder deutschen Musik dieser Zeit nicht gibt.
Und so wurde etwas eigenes aus dem Geliehenen. Eine bessere Einführung in die Musiksprache dieser Epoche als dieses Album wird es schwerlich geben. John Barbirolli kannte alle Komponisten außer George Butterworth persönlich, und er nimmt diese Musik ernst, indem er untertreibt und die Form aus dem berauschenden Klang hebt. Wieviel schärfer, muskulöser hört er John Irelands pompöses Schlachtengemälde "Mai-Dun" als Bryden Thomson in der Chandos-Fassung. Es mag bei diesen Barbirolli-Kostbarkeiten ähnlich sein wie bei Rachmaninows eigenen Aufnahmen. Wir sind überrascht von der unsentimentalen Klarheit und erkennen, dass die gleiche Epoche, die diese Musik der Verachtung preisgab, den schwülen Ton erfand, der diese Ächtung erst rechtfertigte.

Matthias Kornemann, 20.06.2002



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