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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Diverse

Christoph von Dohnányi Edition

Cleveland Orchestra u.a., Christoph von Dohnányi

TCO CD MAA-01032
(1984 - 2001) 10 CDs

Am Ende der laufenden Konzertsaison verlässt Christoph von Dohnányi seinen Posten als Chefdirigent des Cleveland-Orchesters. In achtzehn durchaus erfolgreichen Jahren ist es ihm gelungen, den Status dieses Orchesters als einen der brillantesten Klangkörper der Vereinigten Staaten zu bewahren und zu stärken - in der Nachfolge von George Szell, Pierre Boulez und Lorin Maazel.
Als Abschiedsgeschenk liegt nun eine edel ausstaffierte CD-Box vor, die über die Website des Cleveland-Orchesters (www.clevelandorchestra.com) bezogen werden kann. Nebenbei bemerkt: In Zeiten, da sich zumindest die größeren Plattenfirmen mehr und mehr von der Klassik zurückziehen, ist es ein positives Signal, dass Orchester und Rundfunkanstalten verstärkt dazu übergehen, ihre CDs selbst zusammenzustellen und zu vertreiben: Der SWR bringt in Zusammenarbeit mit Hänssler eine eigene Edition auf den Markt, das Sinfonieorchester von San Franzisko veröffentlicht nach und nach den Mahler-Zyklus mit Michael Tilson Thomas, die Orchester von New York und Boston haben bereits Archivmaterial unter das Volk gebracht, und nun gibt es also die vorliegende Publikation, eine von bereits mehreren aus Cleveland.
Christoph von Dohnányis Verdienst war es seit Beginn seiner Jahre in Cleveland und auch schon davor, sich nicht auf ein enges Repertoire spezialisiert zu haben. Es war für ihn immer selbstverständlich, auch Vernachlässigtes und vor allem Zeitgenössisches immer wieder zur Diskussion zu stellen.
Folgerichtig finden sich in der Jubiläumsbox nicht nur Beethovens und Schuberts Fünfte, Tschaikowskis Vierte und das Zweite Klavierkonzert von Brahms (mit Garrick Ohlsson), sondern auch Stücke von Adams ("The Wound Dresser"), Varèse ("Equatorial") und Ives ("Central Park In The Dark") sowie Glanzstücke der Klassischen Moderne von Bartók (Divertimento), Janácek (Sinfonietta) und Hindemith (Weber-Metamorphosen). Besondere Erwähnung verdient eine ausschließlich dem Schaffen Schönbergs gewidmete CD mit den Variationen op. 31, dem unvollendeten Oratorium "Die glückliche Hand" und dem "Überlebenden aus Warschau" (mit dem unübertrefflichen Günter Reich als Sprecher).
Freunde Dohnányis und des Orchesters dürften an dieser Sammlung nicht vorbei kommen - umso mehr, als die Präsentation keine Wünsche übrig lässt: Es gibt Fotos, einige Essays und, nicht zuletzt, die kompletten Gesangstexte.
Es wird aber auch eines deutlich: Warum - trotz fast zwanzigjähriger Zusammenarbeit Dohnányis mit den Clevelandern - dieses Orchester bis heute in erster Linie mit dem vor über dreißig Jahren verstorbenen George Szell in Verbindung gebracht wird. Dohnányi ist es wohl hervorragend gelungen, den brillanten, schlanken, analytischen Klang des Orchesters auszubauen, weniger jedoch, eigene Akzente zu setzen. Seine Interprationen realisieren stets mustergültig den Notentext, selten jedoch, was den eigentlichen, unverwechselbaren Charakter von Komponist und Werk ausmacht.
So lässt sich an den CDs der Box immer in erster Linie die Perfektion des Orchesters bewundern, auch die Auffächerung der motivischen Struktur, doch es springt - seien wir nett, sagen wir: nicht immer der Funke über. Dieses Eintreten in eine zusätzliche Dimension, wie es eine inspirierte Live-Aufführung von einer Studio-Aufnahme unterscheidet und etwa in Claudio Abbados jüngsten Mahler-Mitschnitten mit den Berliner Philharmonikern (DG) auf fesselnde Weise Gestalt wird, findet hier nur selten statt. Durch lediglich tadellose Orchsterleistung ist weder Mahler (Zweite Sinfonie) noch seinem Antipoden Sibelius beizukommen: Die beiläufig heruntergespielte Coda von dessen Fünfter Sinfonie wirkt wie eine Kapitulation vor der Grundaussage des Werks.
Abgesehen von der Schönberg-CD gelingen Dohnányi die Werke aus dem slawischen Umfeld am besten; so zählen eine biegsam-schlanke Erste von Schostakowitsch, eine gleichermaßen brillant-temperamentvolle wie un-frenetische Vierte von Tschaikowski und die sehr nuanciert musizierte Sinfonietta von Janácek zu den Glanzpunkten der Box. Und wer seinen Bruckner zügig, sachlich und entspannt liebt, wird vielleicht an Dohnányis Dirigat der Vierten seine Freude finden.
Engagiertes Musizieren findet sich allenthalben - aber es gibt eben Referenzaufnahmen für fast jedes der hier vertretenen Werke, gegen die Dohnányis Interpretationen es schwer haben.

Thomas Schulz, 30.05.2002



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