Jede Annäherung an dieses Stück muss Torso bleiben. Niemand kann den Reichtum von Bachs h-Moll-Messe wirklich erschöpfen. Ob das Werk überhaupt zur Aufführung bestimmt war, weiß man nicht mehr mit Sicherheit. Die mehr als zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer sprengen jedenfalls den liturgischen Rahmen. Die Messe enthält - wie in einem "Musterbuch" - die Summe des oratorischen Schaffens Bachs, von den wilden Weimarer Jahren bis zur polyphonen Mystik des Spätwerks. Hier folgt die "Parodie" (die Unterlegung von neuem Text unter ältere Noten, die häufig mit Umarbeitungen verbunden war) keiner äußeren Notwendigkeit, sondern wird zur eigenen Kunstform erhoben. Der Hörer muss von alledem nichts wissen und kann sich doch der Faszination dieser so vielschichtigen wie eindringlichen Ausdeutung des Meßtextes nicht entziehen.
Bachs h-Moll-Messe lehrt jeden, der sich mit ihr hörend, forschend, musizierend auseinandersetzt, Demut. Davon muss auch bei der Darstellung des Werkes auf CD etwas zu hören sein - außer bei John Eliot Gardiner (Archiv), der vor lauter Freude über die Virtuosität seiner Musikanten die metaphysische Dimension der Partitur vollkommen außer Acht lässt. Thomas Hengelbrocks Aufnahme mit dem Balthasar-Neumann-Chor (DHM) geht zwar mit fast Rillingscher Innerlichkeit zu Werke, doch eine h-Moll-Messe, deren Solisten (aus dem Chor besetzt) an Kurzatmigkeit leiden, kann nicht recht befriedigen.
Aber man kann ja auch beides haben: vokale Virtuosität vom allerfeinsten und doch hörbare Ehrfurcht vor der überirdischen Schönheit dieser Musik. René Jacobs stand eben der RIAS-Kammerchor zur Verfügung, in Sachen Chormusik mit das beste, was man in Deutschland für Geld kaufen kann. Und auch die Akademie für Alte Musik Berlin steht den Vokalkollegen nicht nach.
Also glänzt das "Cum sancto spiritu" mit grandioser Fülle, die dennoch in keiner Koloratur-Sechzehntel auf Kosten der Beweglichkeit geht. Aber auch den kontrapunktischen Detailfuchsereien der im alten Stil komponierten späten Messteile ("Credo" und "Confiteor") ist Jacobs brillante musikalische Intelligenz vollauf gewachsen. Und immer bleibt er ein Sänger-Dirigent, bei dem sich auch die vorzüglichen Solisten bestens aufgehoben fühlen, allen voran Altus Axel Köhler, dessen Interpretation des "Agnus Dei" ganz ohne Pathos gerät und doch dank ihrer Klarheit eine der zwingendsten Ausdeutungen der Arie ist, die ich kenne. Einziger Ausfall im Ensemble ist der junge, hier äußerst nasal timbrierte Matthias Görne. Aber der hat auch nur einen Auftritt.
Ansonsten werden Herz und Ohr von süßem Wohlklang betört, der nie umschlägt in äußerliche Prachtentfaltung. Selbst Sopran und Tenor vergessen im Duett des "Domine Deus" alle Eitelkeit ihres Stimmfachs, gestalten keinen königlichen Wettstreit, sondern ein Gebet. Eine Platte, die auch den Hörer voll dankbarer Demut zurücklässt.

Stefan Heßbrüggen, 01.12.1999



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