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Johann Sebastian Bach

Toccata und Fuge BWV 565

Ton Koopman

Teldec/Warner Classics 4509-98443-2
(1995) DDD

Ist das Stück überhaupt von Bach? Sollen sich die Musikphilologen doch ruhig streiten, für das Publikum sind Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 jedenfalls das Orgelwerk Bachs schlechthin. Und das ärgert die wahren Orgelfreaks natürlich, denn kaum ein Werk könnte untypischer sein für den Orgelstil Bachs: Die Polyphonie ist schlicht gestrickt und die Großmäuligkeit des opernhaften Beginns ist für viele Freunde des Guten, Wahren und Schönen bestimmt ein rotes Tuch - wie der Organist Ton Koopman, für den deswegen diese "Oper auf der Orgel" wie geschaffen scheint.
Koopman zählt zur zweiten Generation der Vertreter jener Suche nach historischer Aufführungspraxis, die gerade auf das Orgelspiel wie eine Befreiung gewirkt hat. Und der Vorteil dieser (inzwischen auch nicht mehr gar so jungen) Neuerer ist die Tatsache, dass das, was die Alten lehrten, ihnen zur Selbstverständlichkeit geworden ist, zum Fundament, auf dem sie ihre eigene künstlerische Vision schöpferisch entfalten. Und gerade was das Bizarre, Virtuose, Verrückte bei Bach angeht, entwickelt Koopman viel mehr Fantasie als alle seine Kollegen - und bringt gerade damit die Schönheit der Musik zum Vorschein.
Nun kann Koopmans Temperament nur auf einem Kunst fordernden Instrument so richtig in Fahrt kommen. Also wird hier jene CD empfohlen, die im Rahmen von Koopmans Gesamtaufnahme des Bachschen Orgelwerkes entstand: Sie wurde an der kürzlich restaurierten Schnitger-Orgel von St. Jacobi in Hamburg eingespielt, einem der wichtigsten, schönsten, kunstvollsten Instrumente des norddeutschen Orgelbarocks.
1720 hatte Bach selbst sich vergeblich um den Platz auf dieser Orgelbank beworben. Im Gegensatz zur häufig etwas kargen Akustik holländischer Kirchen kann man hier genau hören, wie Koopman in den Generalpausen mit dem Hall des Kirchenschiffs spielt - nur um dann das in diesem Stück ja reichlich vorhandene Passagenwerk derart kunstvoll zu verwischen, dass es sich fast zum Glissando verläuft.
Ein letztes Plus ist die Gesellschaft, in die Koopman seine Version der Toccata gestellt hat: Toccata in F, Dorische Toccata und Fuge sowie Toccata, Adagio und Fuge in C demonstrieren dem geneigten Publikum, dass Bach auch sonst in dieser Gattung einiges zu sagen hatte. Vielleicht findet ja mancher hier sogar eine neue Lieblingstoccata.

Stefan Heßbrüggen, 01.12.1999



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