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Isaac Albéniz

Iberia

Alicia de Larrocha

Decca 417 887-2
(1986) 2 CDs, DDD

Wenn wir an spanische Musik denken, kommen uns glühende Rhythmen und Farben in den Sinn, intensiv, aber auch etwas begrenzt, als tauge diese Sprache nicht dazu, kompliziertere Empfindungen auszudrücken. Isaac Albéniz konnte die Iberia-Suite, das Hauptwerk der spanischen Klaviermusik, gerade noch vor seinem Tode beenden, um das Gegenteil zu beweisen.
Die spanischen Komponisten, die Ende des 19. Jahrhunderts ihre nationale Musik erfanden - Granados, Turina, de Falla und Albéniz - schauten nach Mitteleuropa, gingen nach Paris und kamen mit geschliffenen Mitteln zurück, doch auch als Fremde, die ihre musikalische Muttersprache nun quasi mit Akzent sprachen. Alicia de Larrochas "Iberia" ist gerade darum ein Wunder der Interpretationsgeschichte, weil sich ihr Pianistenleben in diesem Spannungsfeld entfaltete. Sie ist die wichtigste Botschafterin spanischer Klaviermusik, zugleich eine der bedeutendsten Mozart- und Schumann-Interpretinnen unserer Zeit. "Iberia" ist ihr Heimspiel.
Die Stücke sind zumeist nach spanischen Tänzen oder Landschaften benannt. Doch Albéniz ließ sich nicht wie Bartók von Folklore anregen. Albéniz, der Kosmopolit, saß im Café und sah den Mittag durchs Fenster. Vielleicht war da ein Rhythmus, mit den Fingern auf den Caféhaustisch geklopft, eine herübergewehte Gassenmelodie, und dann wuchsen diese glühenden spanischen Visionen aus seiner Erinnerung.
Albéniz Jugend war eine einzige Irrfahrt durch die alte und neue Welt. Unendlich viel Musik hat er gehört. Doch am Ende seines Lebens lagen diese Erinnerungskeime unter einer Schicht pariserischer Kultiviertheit. "El Albaicin", das berühmteste, schon von Ravel bewunderte Stück beginnt mit einem getrommelten Rhythmus eines Zigeunergesangs. Ganz allmählich entwickelt sich etwas Melodisches aus den harten Schlägen, und plöztlich bricht eine Melodie hervor, die man nie wieder vergessen wird. Jedes dieser Stücke zeichnet so einen Bogen von den ersten Rhythmen oder Melodiefetzen, die die Fantasie in Gang setzen, über glutvolle virtuose Gipfel bis zum Verlöschen.
Alicia de Larrocha hat ihr Leben lang an diesem Zyklus gefeilt - den Lockungen pianistischer Hexereien widersteht sie. Sie findet die Stimmungen des Nachklangs und der Dämmerung in der Partitur, deren folkloristischem Schwung die Mitteleuropäer so gerne verfallen, ohne noch nach den Zwischentönen zu suchen. Die Fronleichnamsprozession, die Albéniz im effektvollen, höllisch schweren "Fête-Dieu a Séville" malte, ist im fünffachen(!) Forte vorbeigezogen, ihr Thema in sich zusammengesunken. Die letzten Akkorde stehen da wie matt beschienene Abendwolken. Es wird kalt. Auch das ist "Iberia".

Matthias Kornemann, 01.12.1999



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