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Birds Of Fire

Mahavishnu Orchestra

Columbia Legacy/Sony
(42 Min., 8/1972) 1 CD

Auch die lange Jahre in Acht und Bann stehende Fusion-Bewegung, zu der Miles Davis’ „Bitches Brew“ den Startschuss gegeben hatte, brachte ihre Meisterwerke hervor. Zwei davon bezeichnen die entgegengesetzten Enden einer Skala: Chick Coreas „Return To Forever“ (ECM) und das zweite Album von John McLaughlins Mahavishnu Orchestra, beide 1972 von ehemaligen Davis-Sidemen eingespielt.
Coreas gefeiertes Fender-Rhodes-Spiel bildete das einzige Zugeständnis an die eben eingeläutete „elektrische“ Ära des Jazzrock, schon der Perkussionist Airto Moreira bediente eher widerwillig ein herkömmliches Schlagzeug, und auch sonst standen eher intime Klänge auf der Tagesordnung.
Ganz anders bei McLaughlin: Dem Keyboarder Jan Hammer waren das Fender Rhodes und die Hammond-Orgel des Mahavishnu-Debüts „The Inner Mounting Flame“ längst zu eng geworden. Erst mit dem Mini-Moog-Synthesizer fühlte er sich als wahrer Dritter im Bunde neben den feurigen Solisten John McLaughlin an der doppelhalsigen Gitarre und Jerry Goodman an der elektrisch verstärkten Geige. Und endlich ergänzte Billy Cobham, neben dem für Weather Report trommelnden Alphonse Mouzon der Fusion-Drummer par excellence, sein Schlagzeug um eine zweite Basstrommel – über eine stattliche Reihe Tom-Toms verfügte er vorher schon.
McLaughlin hatte mit „My Goal’s Beyond“ (1970) erstaunliches Gespür für Zwischentöne bewiesen, und auch das hier enthaltene „Thousand Island Park“ ist ein akustisches Trio von Gitarre, Klavier und Kontrabass (Rick Laird zupft sonst den Fender-Bass). Sonst aber geben die fünf dem Affen ordentlich Zucker: Im Titelstück und dem zehnminütigen „One Word“ tritt das nur fünfköpfige „Orchester“, das im Konzert locker den Lärmpegel einer klassischen Big Band übertraf, den paradoxen Beweis dafür an, dass auch brachiale Lautstärke Stille erzeugen kann: wenn sie jedes andere Geräusch von vorneherein übertönt und auslöscht.
So stand das Mahavishnu Orchestra eher in der Nachfolge von Power-Trios wie Cream oder der Jimi-Hendrix-Experience als in der Jazztradition, obgleich die perfekte Ausführung derart schneller und komplexer Musik eher den Jazzsolisten erfordert. Außerdem bilden virtuose Improvisationen – inklusive des altmodischen „trading fours“ (wo verschiedene Solisten sich gegenseitig viertaktige Phrasen zuwerfen) – ein Schlüsselelement dieser im Gegensatz zum Rock rein instrumentalen Musik, deren weißglühende Intensität ohne die Erfahrung John Coltranes zudem kaum denkbar gewesen wäre.
Nach einer weiteren, erst 1999 veröffentlichten Studio- sowie einer Liveplatte trennte sich die Erstbesetzung aufgrund äußerer Belastungen und innerer Differenzen. John McLaughlin besann sich schon kurze Zeit später mit Shakti auf leisere Klänge, Jan Hammer mutierte über die Zwischenstation der Jeff-Beck-Group zum erfolgreichen Fernsehkomponisten („Miami Vice“); Billy Cobhams spätere Projekte erreichten trotz viel versprechender Soloalben für Atlantic nie mehr die künstlerische Bedeutung seiner frühen Beiträge zum Fusion-Genre. Jerry Goodman und Rick Laird verschwanden sogar ganz von der Bildfläche – und sie taten gut daran, wenn man sich der klischeegesättigten Geschmacklosigkeiten entsinnt, zu denen sich andere Fusionisten ab den Mittsiebzigern herabließen.

Mátyás Kiss, 01.01.2001



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