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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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The Original Gerry Mulligan Tentet and Quartett

Gerry Mulligan

GNP/ZYX GNPD 56
(42 Min., 1/1953, 3/1953) 1 CD

Fast ein halbes Jahrhundert nach der Entstehung dieser Aufnahmen fällt es uns schwer zu verstehen, wie atemberaubend neuartig das Mulligan-Quartett mit Chet Baker auf die Zeitgenossen gewirkt hat. Richard Bock, der 1952 die ersten Aufnahmen der Gruppe machte, gründete seine Firma Pacific Jazz zu dem Zweck, Mulligan herauszubringen. Kurz darauf stürzte sich Fantasy auf das Ensemble und nahm Mulligans Manager, der Konzertpromotor und DJ Gene Norman im Mai 1953 für sein Label Gene Norman presents die hier vorliegenden sechs Titel auf. Gerry Mulligan, der in New York ein am Rande beachteter "local musician" gewesen und erst vor kurzem an die Westküste gezogen war, wurde - als Komponist, Arrangeur und Bandleader - plötzlich zu einem der einflussreichsten Musiker des West Coast Jazz, der bald darauf die Medien beherrschte und den Bop in der Publikumsgunst zurückdrängte.
Was war so einzigartig an der Konzeption des Quartetts? Im Gegensatz zu den vergleichsweise ätherisch-abstrakten Kollegen des New Yorker Cool Jazz swingten die Quartettmitglieder - hier Mulligan, Baker, der Bassist Carson Smith und der Drummer Larry Bunker - zupackender und im Gegensatz zu ihnen und den Beboppern verwendeten sie einfacheres melodisches Material. Wie die Themen waren selbst die Improvisationen Mulligans und Bakers von einer im modernen Jazz unüblichen schlichten Sanglichkeit, für fast "jedermann" eingängig - und dies ohne den intellektuellen Anspruch aufzugeben. In dieser Simplizität neuartig war auch die unakademisch angewandte kontrapunktische Linienführung, die nicht nur im Arrangement, sondern auch in den Chorussen der Solisten praktiziert wurde. So machte in Cool-Kreisen sogar das Wort vom "Dixieland à la Mulligan" die Runde.
Mit diesem Quartett stand Chet Baker als lyrischer Trompetennachwuchs erstmals im Scheinwerferlicht und Mulligan war als moderner Baritonist, sieht man vom überragenden, aber weniger leicht zugänglichen Serge Chaloff ab, konkurrenzlos. Doch das herausragende Merkmal der durchsichtig und leichtfüßig swingenden Combo war das Fehlen eines Klaviers, galt doch im Jazz bislang ein Akkordinstrument als fast unumgänglich. Die Solisten genossen somit größere harmonische Freiheit, waren aber auch umso stärker gefordert.
Dass Mulligan alles andere als ein Verächter des Klaviers war, können wir der ersten Hälfte des Albums entnehmen, die Mulligans Tentett gewidmet ist. Auf einigen Titeln spielt Mulligan kompetent und swingend Klavier, während es auf den anderen fehlt, ohne uns zu fehlen. Das Tentett bestand im Kern aus dem Quartett und war ähnlich instrumentiert wie das Miles-Davis-Nonett, das Mulligan bereits für "The Birth Of The Cool" als Komponist und Arrangeur befruchtet hatte. Da diese für den West Coast Jazz exemplarische Band auch einige von Mulligans wichtigste Kompositionen - „Walkin‘ Shoes“ und „Rocker“ - spielt, empfiehlt sich dieses (für 1953) auch klangtechnisch herausragende Album als leicht zugänglicher Einstieg in Gerry Mulligans Schaffen.

Marcus A. Woelfle, 01.04.2000



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin.
Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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