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Ellington At Newport

Duke Ellington

Columbia Legacy/Sony
(129 Min., 7/1956) 2 CDs

Der geplante Höhepunkt des Abends – die aus heutiger Sicht kaum erwähnenswerte, dreiteilige „Newport Festival Suite“ – sowie der seinerzeitige Plattenfüller, das Hodges-Feature „Jeep’s Blues“, verblassten naturgemäß gegenüber Paul Gonsalves’ legendären 27 Chorussen über „Diminuendo And Crescendo In Blue“, ursprünglich ein Sechs-Minuten-Stück von 1937. Dieses Solo war in seiner Unwiederholbarkeit auch fast das Einzige, was an der wenige Monate nach dem Newport Festival veröffentlichten und zu Ellingtons größtem Verkaufsschlager avancierten Columbia-Platte „echt“ war. Die ganze spannende Geschichte, wie ein jazzhistorisches Dokument systematisch und mit Wissen und Beteiligung des ganzen Orchesters „gefälscht“ wurde, füllt das engbedruckte Beiheft der enorm erweiterten Neuausgabe von 1999.
Verkürzt geschah damals Folgendes: Nach mehreren Jahren großer kreativer und finanzieller Dürre (aus denen nur der Evergreen „Satin Doll“ hervorging) war vom Ellington-Orchester ein bloßer Schatten einstiger Größe übrig. Dann kehrte der Altist Johnny Hodges, ehemaliger Hauptsolist des Duke, reumütig in die Reihen des Orchesters zurück, und mit Sam Woodyard bekam die Band ihren bislang swingendsten Schlagzeuger. Dann ergab sich etwa zeitgleich mit dem Auftritt beim Jazzfestival in Newport noch ein neuer Schallplattenvertrag mit der finanzkräftigen Columbia.
Leider war der Mitschnitt dieses Konzertereignisses – über das am nächsten Tag alle Zeitungen des Landes berichteten – zur Veröffentlichung nur teilweise geeignet. Paul Gonsalves hatte sich ausgerechnet während seines Solo-Marathons vor das falsche Mikrofon gestellt – einige dienten der bloßen Verstärkung, andere gehörten der Plattenfirma und ein weiteres der Radiostation „Voice Of America“, die das Ereignis ebenfalls aufzeichnete. In der Not wurde das Orchester kurzerhand aufgefordert, das ganze Ereignis im Studio nachzustellen – inklusive neu gesprochener Ansagen und vom Band zugespielter Publikumsreaktionen. Doch auch die Ergebnisse dieses Nachmittags waren nicht vollkommen, sodass ein Hybrid aus Mitschnitt und Studioproduktion in die Läden kam.
Das damalige Missgeschick ist unser heutiger Gewinn: Mittels eines komplizierten Verfahrens gelang es, für die vorliegende Doppel-CD aus den beiden völlig verschieden klingenden Monoaufnahmen der Columbia und der „Voice Of America“ eine großartig klingende Stereoaufnahme zu synthetisieren.
Wer nicht dabei war, wird sich über unmusikalische Quietschtöne vom Trompeter Cat Anderson ärgern, beim überlangen Bluessolo Gonsalves’ mit den Schultern zucken und sich beim Schlagzeugsolo Woodyards langweilen, das dieser anschließend zur Beruhigung der außer Rand und Band geratenen Menge spielte. Selbst den andernorts großartigen Johnny Hodges hat man selten so falsch spielen gehört wie hier in „I Got It Bad (And That Ain’t Good)“.
Aber, und darin liegt die Bedeutung von „Live At Newport“: Ellington war wieder in aller Munde – und in aller Ohren. Mit dieser Platte und ihren Nachfolgern „A Drum Is A Woman“, der Shakespeare-Suite „Such Sweet Thunder“ und seinem mit Mahalia Jackson neu produzierten Hauptwerk „Black, Brown And Beige“ begann eine bis zu Ellingtons Tod achtzehn Jahre später nicht mehr abreißende Kette künstlerischer und finanzieller Triumphe.

Mátyás Kiss, 01.03.2000



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