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Cecil Taylor

Unit Structures

Cecil Taylor

Blue Note/EMI CDP 7 84237 2
(56 Min., 1966) 1 CD

Cecil Taylor hatte 1966 Glück im Unglück: Der Siebenunddreißigjährige erlebte gerade einen ersten Höhepunkt seiner Schaffenskraft, aber ohne den Blue-Note-Produzenten Alfred Lion, der von Monk bis Andrew Hill schon immer eine Schwäche für unbequeme Pianisten bewiesen hatte, hätte die musikalische Welt womöglich nie etwas davon erfahren. Taylor arbeitete nämlich in jenem historischen Jahr, als er für Lion "Unit Structures" und "Conquistador!" einspielen durfte, überwiegend als Tellerwäscher, sofern er nicht ganz von der Sozialhilfe abhing.
Trotz der wirtschaftlichen Not verfolgte Taylor, der im Laufe der Sechziger vielleicht ein Dutzend Engagements bekam, weiterhin kompromisslos seinen musikalischen Sonderweg: Seit seiner letzten Aufnahme (Café Montmartre, Kopenhagen 1962) hatte er die regelmäbig probende "Unit" vom Trio zum Septett aufgestockt: Sein getreues Alter Ego, der einem recht frei aufgefassten Bebop verpflichtete Altsaxofonist Jimmy Lyons, war weiterhin dabei; neu dazu kamen Ken McIntyre an diversen Holzblasinstrumenten und der nicht ganz zu Unrecht vergessene Trompeter Eddie Gale Stevens; Andrew Cyrille hatte Sunny Murray am Schlagzeug abgelöst und statt gar keinem Bassisten gab es nunmehr deren zwei: Henry Grimes und Alan Silva - von denen nur einer zupfte, während der andere mit dem Bogen bis in die höchsten Lagen vordrang.
Mit einem solchen Instrumentarium nimmt es nicht Wunder, dass trotz einiger komponierter Vorgaben Taylors - die er seinen Musikern am liebsten in mingusscher Manier vorsang - Stücke wie "Enter, Evening" zeitgenössischer Kammermusik näher zu stehen scheinen als wie auch immer geartetem Jazz. Taylor, ein bekennender Bewunderer von Lennie Tristano und Dave Brubeck, vertritt eine rhythmische Auffassung, die im Jazz vor 1960 recht selten war: Pate stand dafür - wie bei seinem Schlagzeuger Andrew Cyrille - der Puls (an Stelle des früheren Beats), mehr noch aber der vom Tanz abgeleitete, gestische Bewegungsimpuls. Durch diesen wird im Laufe eines Auftritts eine ungeheure Energie erzeugt - ein Mahlstrom von Klängen, von dem sich der Hörer entweder mitreißen lässt oder dem er sich schleunigst entziehen muss.
Dabei ist Taylors Spielweise weitgehend unabhängig davon, ob er unbegleitet oder innerhalb eines Ensembles spielt; der Titel "As Of Now" bietet aber einen Vorgeschmack auf Taylors Solo-Großtaten der Siebziger: "Indent", "Silent Tongues", "Air Above Mountains" und "Fly! Fly Fly! Fly! Fly!". Die dissonanten, gelegentlich mit den Handflächen, Fäusten, Ellenbogen oder dem ganzen Unterarm erzeugten Tontrauben, die von Taylor beeinflusste Musiker wie Jaki Byard, Don Pullen oder Yosuke Yamashita in ihr Spiel aufgenommen haben, sind dabei nur ein eher äußerlicher Aspekt seiner Musik.
Um eine - formell betrachtet - derartige Ereignisdichte manchmal über Stunden hinweg aufrecht zu erhalten, muss ein Pianist sowohl ein gewaltiges Übepensum bewältigen, als auch enorme physische Kraftreserven aufbauen. Zu keinem von beiden waren seine Nachahmer bereit, sodass Taylor bis heute wie ein Monolith in der Landschaft der Improvisierten Musik steht. Das achtzehnminütige, unglaublich dicht verzahnte und von musikalischen Gestalten nahezu überquellende Titelstück von "Unit Structures" vermittelt eine Ahnung, weshalb.

Mátyás Kiss, 01.02.2008



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