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Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 7

Wiener Philharmoniker, Herbert von Karajan

DG 439 037-2
(4/1989)

Seine letzte Aufnahme" steht in vier Sprachen auf dem Cover der CD: Ein halbes Jahr bevor er starb, nahm Herbert von Karajan im Musikvereinssaal Anton Bruckners Sinfonie Nr. 7 auf – mit den Wiener Philharmonikern; das Verhältnis Karajans zu "seinen" Berlinern hatte sich ja gegen Ende seines Lebens merklich abgekühlt. Es ist Karajans dritte Aufnahme des Werks, dem er sich in den siebziger Jahren zweimal mit den Philharmonikern aus Berlin gewidmet hatte (EMI und Deutsche Grammophon).
Das Attribut von der "letzten Aufnahme" lässt nun nochmalige Vertiefung und, vor allem, weihevolle Weltabgewandtheit vermuten. Doch weit gefehlt: Sicher teilt sich Karajans jahrzehntelange Erfahrung mit Bruckners ausgeglichenster und abgeklärtester Sinfonie in jedem Takt der Aufnahme mit. Keine Spur jedoch von jener erhabenen Feierlichkeit, die oft mit Bruckner verbunden wird. Karajans letztes Wort zur Siebten ist diesseitig, lebendig, ja lebhaft und atmet klassischen Geist.
In fließendem Tempo eröffnet er den Kopfsatz, die Tempobezeichnung "Allegro moderato" adäquat realisierend, und lässt das Hauptthema, eine von Bruckners schönsten melodischen Erfindungen, gelassen aussingen. Unfehlbar die Temporelationen zwischen den drei Themen, organisch entwickelt die Steigerungen, mit konzentrierter Andacht, doch gänzlich ohne Pathos zelebriert jener innige Hymnus unmittelbar vor der Coda, der sich wohl nur als religiöse Vision Bruckners deuten lässt.
Mit großer Noblesse, wiederum gänzlich unpathetisch und ohne zu schleppen, erklingt das Adagio mit der Gedenkmusik für den verstorbenen Wagner kurz vor Schluss. Es überrascht nicht, dass Karajan den Beckenschlag am Höhepunkt des Satzes, den Bruckner auf Anraten wohlmeinender Freunde nur widerwillig hinzufügte und später für ungültig erklärte, im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen spielen lässt. Die Stelle entbehrt jedoch in Karajans Interpretation allen äußerlichen Effekts, die kathartische Wirkung kommt aus den Noten, nicht aus der Instrumentation. Eine Wohltat der Klang der Wiener Blechbläser, insbesondere der Tuben, die jedoch in der finalen Trauermusik einen gewissen irdisch rauen Charakter bewahren.
Prägte Ausgeglichenheit die ersten beiden Sätze, kommen nun Fröhlichkeit und Temperament ins Spiel: Das Trompetensignal des Scherzos ertönt selten so keck, ja provokativ wie in dieser Einspielung. Es offenbart sich hier etwas von jener Widerborstigkeit, die, bei aller vordergründigen Devotheit, Teil von Bruckners Charakter gewesen sein muss. Weniger die sonst oft zur Assoziation herbeigezogenen Bauerntänze sind es, die hier Klang gewinnen, sondern vielmehr ein Charakterbild des selbstbewussten Trotzes. Das Spiel der Wiener Philharmoniker ist in diesem Satz von einer Spontaneität, die an eine Live-Aufnahme denken lässt.
Das gilt auch für das Finale, in dessen Hauptthema Karajan als einziger mir bekannter Interpret sich traut, das Element der Ausgelassenheit Gestalt werden zu lassen, wie es sich in der federnden Rhythmik manifestiert. Dies ist wohl die am besten gelaunte Musik, die der reife Bruckner komponierte, und Karajan deutet den Satz durchgehend heiter und beschwingt, sodass die "breit und wuchtig" gekennzeichneten Auftritte des dritten Themas an Ernst oder gar Bedrohung verlieren. Es liegt etwas vom Charakter Haydns in Karajans Interpretation dieses Satzes wie der ganzen Sinfonie.
Klingt das jetzt blasphemisch für Bruckner-Freunde oder Haydn-Anhänger? Für mich ist es jedenfalls eine Großtat Karajans, dass er als letztes Vermächtnis die Kontinuität österreichischer Sinfonik aufgezeigt hat - ohne alle Schwere, sogar mit einem kleinen Augenzwinkern. Und dies bei einem Komponisten, der vielen immer noch als das Schwerste überhaupt gilt.

Thomas Schulz, 01.06.2001



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