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Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur

Swjatoslaw Richter, Chicago Symphony Orchestra, Erich Leinsdorf

RCA/BMG GD 86518
(71 Min., 2/1960) 1 CD

Brahmsianer waren nicht immer gnädig mit dem zweiten, dem späten B-Dur-Klavierkonzert: „Dickflüssig“ und „unelastisch“ befand es 1920 der Brahms-Biograf Walter Niemann, noch das Beste, was man darüber sagen könne, sei „Symphonie mit obligatem Klavier“, das heißt, jeder anständige Virtuose habe seine Kunst an der Garderobe abzugeben und zum „Arbeiter des Klavierspiels“ zu werden. Punktum, Kopf ab. Aber der gute Niemann konnte natürlich nicht diese Aufnahme von 1960 kennen, alldieweil er da bereits sieben Jahre tot war: Swjatoslaw Richter „verflüssigt“ das angeblich Zähe, gibt ihm eine Jugendlichkeit zurück, die sehr wohl noch im bald fünfzigjährigen Brahms steckte, wie eine Puppe in der Puppe. Eigentlich, so hört man’s hier, war Brahms jung in jedem Lebensalter, noch in der (auch in jener Zeit komponierten) „Akademischen Festouvertüre“ zündet er lustvoll pubertären Witz.
Das soll freilich nicht heißen, diese hochberühmte Aufnahme sei lediglich musikantisch-überschwänglich. Ursprünglich sollte der Meister von „Ausdruck durch Präzision“ dirigieren, Fritz Reiner; da er erkrankte, sprang Erich Leinsdorf ein, kundig-präziser „Begleiter“ auch er, der mit Reiners hochgezüchtetem Orchester keine erkennbar schlechtere Arbeit macht. Vielleicht aber auch wurde die Scheibe gerade deshalb eine Sternstunde – Reiner hätte vielleicht, mit dem damaligen Newcomer Richter, mehr „Sinfonie mit obligatem Klavier“ zelebriert. Aber es ist ja so, dass Brahms hier dem Solisten mehr Raum gibt als üblich. Den Leinsdorf ihm dann lässt – keineswegs durch oberflächliche Begleitung, sondern durch eine völlig uneitle, zwar gedankentiefe, aber nie gedankenschwere. Mag sein, dass Reiner sich mit dem Orchester mehr in den Vordergrund gespielt hätte, anderswo hat er’s getan. Leinsdorf bleibt wunderbar diskret, ohne je distanziert zu sein. Wenn im Andante die Cello-Kantilene („Immer leiser wird mein Schlummer“) sich endlich mit dem Klavier verbindet, klingt es wie Kammermusik mit Orchester.
Und Richter spielt wie ein junger Gott. Zwar muss auch er bei manchen Unspielbarkeiten mogeln – Pianissimo-Oktaven, Sechzehntel-Triolen –, aber er tut’s elegant, im Duktus seiner ganzen Werksicht, eben jene Haltung herauszustreichen, die man „inniger Elan“ nennen könnte. Bei Backhaus oder Arrau klingt das anders, aber nicht „richtiger“. Brahms’ B-Dur-Konzert ist ein schönes Exempel dafür, dass wirkliche musikalische Kunstwerke selten in einer einzigen Interpretation ihren ganzen Charakterreichtum entfalten. Sie sind vielmehr die Summe aller möglichen Interpretationen. Nur, Richter geht darin sehr weit. Wenn man nur eine Lesart dieses Konzerts im Schrank stehen haben will, dann wird’s diese wohl sein.

Thomas Rübenacker, 01.01.2001



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