Zur Mono-Zeit, 1953, erntete Walter Legges EMI-Produktion der “Lustigen Witwe“ unverhofftes Entzücken. Auch einiges Befremden. Eine Besetzung solchen Kalibers hätte jede anspruchsvolle und gewichtige Oper lässig meistern können. Schwarzkopf, Gedda, Kunz, Loose, das Philharmonia Orchestra unter Ackermann - zu viel des allzu Guten “nur“ für Lehár, für eine Operette aus dem silbernen Altweibersommer des Genres?
Zehn Jahre später toppte Legge in Stereophonie noch einmal seine schillernde LP-Preziose von einst, wieder mit Schwarzkopf, Gedda und der Philharmonia-Elite, diesmal aber auch mit einem heller und jugendlicher timbrierten Danilo alias Eberhard Waechter. Und mit dem kroatisch geborenen, k. u. k-österreichisch gebildeten und europa-erfahrenen Lovro von Matačić am Pult. Ein geballtes Aggregat aus Kraft, Elan, Elektrizität machte der aus “Pontevedro in Paris“, aus der balkanisch-pariserisch-kakanischen Verstellungs- und Spekulationskomödie ein musikalisch-akustisches, mehr noch: ein atmosphärisch ansteckendes, fast visuell suggestives, quasi mit den Ohren zu “sehendes“ Bühnenerlebnis. In den Koalitionen und Konfrontationen von Mazurka, Polonaise und Kolo, von Valse lente, Galopp und Cancan, von Marsch und Wiener Walzer inspirierte Matačić souverän ein Lehár-Orchester, das in seiner Dimension und Differenziertheit mit den Operettenbräuchen bricht und großes sinfonisches Maß anstrebt.
Die Sänger schöpfen aus dem Vollen. Aus dem Mehrwert von Opern- und Liederfahrung gewinnen sie jene Überlegenheit, die der vielleicht doch letzten wirklich großen Operette des 20. Jahrhunderts mit ebenso viel Ernst wie Augenzwinkern beikommt. Lächelnd schultern Matačić und sein Ensemble das Schwerste: mit dem Leichten leicht umzugehen, ohne es auf die leichte Schulter zu nehmen.

Karl Dietrich Gräwe, 01.12.1999



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