Was Arnold Östmans Drottingholmer Produktion der "Zauberflöte" aus dem Jahre 1992 von allen früheren Aufnahmen der Oper unterscheidet, ist die kaum noch zu überbietende Sorgfalt und Liebe zum Detail, mit der hier sowohl Dirigent, Musiker und auch das exzellent zusammengestellte Solistenensemble zu Werke gingen. Sie alle ließen dabei der mehr als zweihundert Jahre alten, immer wieder missverstandenen und strapazierten Partitur eine Behutsamkeit angedeihen, die das innere, also musikalische Geschehen dieser "Maschinenkomödie" in den Vordergrund rückte: als sei sie trotz allem (und schon wieder) eine hochsensible, zerbrechliche Kostbarkeit, in der jeder einzelne Ton die gleiche Aufmerksamkeit und Intensität verdient.
Hier wurde klar, wieviel Wahrheit in dem vielzitierten Spruch "Tradition ist Schlamperei" steckt, denn selten zuvor hatte ein Verfechter der historisierenden Aufführungspraxis die Überlegenheit seiner Konzeption bei einem so populären Stück so überzeugend und doch so unspektakulär in Klang zu setzen verstanden.
Östman brachte eben das Kunststück fertig, die durch die romantische Rezeption entstellte und hoffnungslos aufgeblähte Partitur mitsamt ihrer unsäglichen, spätromantisch-expressiven Vokaltraditionen von aller falscher Patina zu befreien und in die schlanken Dimensionen des Originals zurückzuführen. Er schaffte es sogar, ihr die verlorengegangene Aura des Märchenhaften und Magischen zurückzugeben, ohne auf radikale Anti-Effekte im Stil Roger Norringtons zurückgreifen zu müssen. Dieses Erfolgsrezept basierte freilich auf der Bereitschaft aller Mitwirkenden - und darunter waren nicht wenige "Stars" -, Östmans Konzept höchster Sorgfalt und unbedingter Ausdruckszurückhaltung einträchtig mitzutragen, als seien sie alle Teile eines komplizierten, lebendigen Organismus: und so gab es keinen einzigen Versuch, sich vokal "in Szene zu setzen" oder sich vorzudrängen.
Primus inter pares ist trotzdem der mit unglaublich feinem Gespür und perfekter Technik fast instrumental deklamierende Kurt Streit in der Partie des Prinzen Tamino, qualitativ hochrangig auch die Beiträge der Koreanerin Sumi Jo als glockenreine Königin der Nacht, der Amerikanerin Barbara Bonney als lyrisch-intensive, sanft leidende Pamina und des jugendlich-kernigen Kristinn Sigmundssson in der Rolle des machtbewussten Sarastro.
Mit seinem Drottningholmer Experiment schlug Östman vor sechs Jahren nicht nur ungewohnt neue, lebendige und tiefgründig inspirierte Töne in der durchaus bewegten Rezeptionsgeschichte der "Zauberflöte" an, sondern er setzte auf Anhieb auch eine neue Referenz-Marke in der nicht gerade spärlichen Diskografie von Mozarts "Zauberoper".

Attila Csampai, 01.03.1998



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