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Johannes Brahms

Klavierkonzert Nr. 1

Glenn Gould, New York Philharmonic, Leonard Bernstein

Sony SK 60675
(61 Min., 4/1962) 1 CD

1962 konnte man sich noch über Interpretationen aufregen. Waren das Zeiten! Da wandte sich Leonard Bernstein in einer launigen Ansprache an sein Publikum und erklärte, er käme mit seinem Solisten Glenn Gould nicht zusammen, finde seine Sicht extrem, werde aber aus Respekt vor dessen lauterer Interpretenneugier dennoch dirigieren. “Who is the boss?” fragt er, und die tönende Antwort erfolgt sogleich. Bernstein hat Goulds breite Tempi akzeptiert, und wenn wir heute darin nichts Extremes sehen, verdanken wir es vielleicht auch diesem Abend.
Auch Gould kommt zu Wort auf diesem Dokument, und wenn er sagt, bis auf seinen Versuch, die Tempi der Tutti- und Soloepisoden korrekt anzugleichen, sei die Deutung absolut konventionell, hat er recht und untertreibt doch gewaltig, gehört sie doch zu den sensibelsten Durchleuchtungen des kolossalen Werkes, die es gibt.
Gould erweist sich als Meister zartester Übergänge, er lockt köstliche Nebenstimmen aus dem pp hervor, findet im Kopfsatz zu majestätischem, aber eben nicht dick-pastosem Gleichmaß. Hier ist schon viel von der intimen Traurigkeit später Brahms-Intermezzi. Er verweigert dem Stück jenes glutvolle Sentiment, die etwas dicke Verzweiflungsallüre à la Rubinstein, die damals in Mode war, und setzt gerade in den Oktavtrillern des Kopfsatzes fast barocke Transparenz dagegen. Es verrät Größe, dass sich Bernstein zugunsten dieses zukunftsweisenden Entwurfs gebremst hat.

Matthias Kornemann, 31.05.1998



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