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Hector Berlioz

Symphonie fantastique, Auszüge aus "Lelio"

San Francisco Symphony Orchestra, Michael Tilson Thomas

RCA/BMG 09026 68930 2
(75 Min., 7/1997, 3/1998) 1 CD

Früher nannte man eine solche Aufnahme ein "Sonic Spectacular" oder ähnlich; das waren dann immer Referenzaufnahmen, was den Klang betrifft, meist mit den Chikagoer Sinfonikern unter Fritz Reiner oder dem Philadelphia Orchester unter Eugene Ormandy. Keine allerdings kann sich mit dieser messen, was schiere Klangqualität angeht - und die Interpretation muss sich beileibe nicht hinter dem "Sonic Spectacular" verstecken: Sie ermöglicht es erst. Jedenfalls kann meine bisherige Lieblingseinspielung der Fantastischen Sinfonie, mit dem Cleveland-Orchester und Maazel (die Telarc-, nicht die Sony-Version!), obwohl klanglich superb, nicht mithalten: Soviel an Detail wie bei Michael Tilson Thomas habe ich noch nie gehört - und das, obwohl ich schon damals die Taschenpartitur auf den Knien hielt.
Aber genug der Technik, lasst uns endlich Töne hören! Der Dirigent blickt auf dem Cover sehr ernst und nachdenklich nach unten, was wohl bedeutet: in sich hinein. So geht er auch das Werk an, nicht als raffinierten Reißer wie Maazel, sondern reflexiv, dem Gedanken - und vor allem der "idée fixe", dem Leitmotiv der von Berlioz unglücklich geliebten Frau - nachhängend. Wie sich dieser Gedanke zum Schluss hin verändert, wie er zur Fratze eines Albtraums wird, unterschlägt er aber überhaupt nicht: Groß und scharf kommen die Aufwallungen, da bleibt nichts unterbelichtet - und wird dennoch eben nie überbelichtet.
Am schönsten gefiel mir sogar der zweite Satz, "Ein Ball", worin Tilson Thomas zeigt, daß der Titel von Satz eins, "Träume-Leidenschaften", eben für die ganze Sinfonie gilt, auch die eleganten und bukolischen Momente. Wie in den Traum eines von der Schönheit Ausgeschlossenen weht diese anmutige Walzermelodie herüber, zart, ohne jede "brillante" Aufdringlichkeit. Und das Orchester verwirklicht die träumerisch-albträumende Atmosphäre ganz wunderbar, von A bis Z; soll mir bloß keiner mehr, spätestens nach dieser Aufnahme, mit den "Big Five" der USA kommen (New York, Chikago, Philadelphia, Boston, Cleveland)! Jetzt sind es die "Big Six".
Kluger Musiker, der er ist, hängt Tilson Thomas auch noch Teile der weithin unbekannten Fortsetzung "Lélio" an, einer seltsamen Mischung aus Monodram und Kantate, deren „Chor der Schatten", unmittelbar nach der grausigen Walpurgisnacht gehört, wie eine Berliozsche Erlösungsfantasie klingt: "Ist nicht gerichtet, ist gerettet!" Als ich nachsah, übrigens, welcher Tontechniker denn jenen Hexensabbath so perfekt mitinszenieren half, musste ich fast lachen: Er heißt Marcus Heiland. Aber es war ja immer die Kirche, die Tod und Teufel in den glühendsten Farben beschwor ...

Thomas Rübenacker, 01.04.1998



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