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Antonio Vivaldi

Die vier Jahreszeiten

Alice Harnoncourt, Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Warner Classics 4509-93267-2
(1966, 1967)

Das ist kein Barock, das ist kein Vivaldi, das ist überhaupt nichts." Mit diesen Worten und einem erbosten Gesichtsausdruck streckte mir mein Freund und Schulkamerad eine LP entgegen, und er fügte lapidar hinzu: "Vielleicht gefällt dir das ja, mir jedenfalls nicht." Das war 1978. Wir spielten beide im Schülerorchester Geige. Manchmal versuchten wir uns an den Solopartien von Vivaldis Violinkonzerten, und wenn das Taschengeld ausreichte, kauften wir uns Schallplatten, um die Welt der Musik nach und nach zu erforschen. Gelegentlich machten wir uns dafür nach Köln auf, wo die konkurrenzlos niedrigen Preise eines großen Schallplattenladens lockten – auch wenn wir über hundert Kilometer Zugfahrt dafür in Kauf nehmen mussten. Und nun das: zweiundzwanzig Mark für eine LP waren zum Teufel – oder auch nicht: Mir gefiel sie nämlich über alle Maßen.
Barockmusik hörte man damals noch in "braven" Einspielungen. Für Vivaldi zum Beispiel war das Ensemble I Musici zuständig, bei dem dessen Konzerte klangen, als hätten sie eine Weihnachtsfeier zu untermalen. Die Schallplatte, die mir mein Freund nun hinhielt, eröffnete in dieser Hinsicht völlig neue Dimensionen: Es war eine der ersten Einspielungen der "Vier Jahreszeiten" in originaler Aufführungspraxis.
Nikolaus Harnoncourt, seine Frau Alice und das von beiden gegründete Ensemble Concentus Musicus Wien hatten die damals schon populären "Jahreszeiten" Vivaldis gewissermaßen auf den Kopf gestellt und dabei an Effekten nicht gespart, die der angeblich so gemessen feierlichen Barockzeit völlig zuwiderliefen: Das Streichorchester ließ mich als Hörer im "Frühling" geradezu trunken werden. Schuld daran waren scheinbar verschobene Akzente in der Melodik, ein Pulsieren der Musik statt des sonst üblichen Abspulens. Die Solovioline fuhr nicht mechanisch in das Konzert hinein, sondern stimmte mit fast ornithologischer Genauigkeit in Form einer Kadenz ihr "Vogelkonzert" an. Das "Hundegebell" im zweiten Satz des Frühlings fügte sich plötzlich in eine wirklich bildlich wahrnehmbare Szene ein, in der der Hirte selig dahinschlummert, während sich die Orchesterbratschen irgendwo in der Ferne fast wahnwitzig "heiser bellten".
Dass der Klang der Darmsaiten – richtig gespielt – durch die spezielle Obertonstruktur tatsächlich dem Eindruck näselnder Dudelsäcke zum Verwechseln ähnlich werden können, erfuhr ich dann im "Herbst". Und im "Winter" scheute Nikolaus Harnoncourt nicht vor einem (damals) extrem mutigen Experiment zurück: Die schneidende Kälte des Eises vermittelte er mit höchst geräuschhaftem Stegspiel der Violinen.
Solche musikalischen Mittel machten Vivaldi schlagartig zu einem Avantgardisten, zu einem Zeitgenossen der damals ebenfalls von uns heftig diskutierten Komponisten Penderecki und Stockhausen. Umso überraschter war ich, als ich im später begonnenen Studium der Musikwissenschaft erfuhr, dass Harnoncourt diese Effekte keinesfalls der Musik aufzwang, sondern durch sorgfältiges Studium der Erstausgaben den Originalpartituren entnahm. Dass Barock eben nicht "langweilige Gemessenheit" sondern "Extrovertiertheit" bedeutet, das hat mir diese Pionier-Aufnahme aus den Jahren 1976 und 1977 beigebracht.

Oliver Buslau, 31.05.2000



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