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Diverse

Evgeny Kissin – Die Gabe der Musik

Christopher Nupen

RCA/BMG 09026 63642 9
(104 Min., 1999) 1 DVD, PCM-Stereo; PAL 16:9

„Eine Huldigung“ nennt der Autor Christopher Nupen etwas vorab liebedienend sein Porträt des russischen Pianisten Jewgenij Kissin, „A Celebration“. Im Fernsehen schon mehrfach zu sichten, ist es jetzt auf DVD gelandet – eine saubere, farbige TV-Dokumentation, die sich nur zu zirka zwei Dritteln allzu sehr auf das berühmte Londoner „Proms“-Konzert Kissins stützt. Ja, es war in 103 Jahren „Proms“ das erste Solo-Rezital; und ja, es war – trotz strenger Augusthitze – das mit bald sechstausend Zuschauern am besten besuchte „Prom“ der Geschichte; und ja auch, Kissin spielte göttlich und gab Zugaben wie nie zuvor.
Aber letztlich faszinieren in diesem abgefilmten Konzert, in dem gleichwohl nur die Zugaben komplett gespielt werden, mehr die sprechenden Details drumherum: Kissins Verbeugungen in Petruschka-Puppenmanier; sein mechanisches, unechtes Lächeln, ein Panzer; das am Rücken völlig durchgeschwitzte Cocktail-Smokingjackett.
Ansonsten erfährt man aber noch so einiges über den ewigen Jüngling mit dem Wischmopp auf’m Kopp: dass er selbst komponiert, zum Beispiel, irgendwo zwischen Gretschaninow und Prokofjew; dass er mit zwei Jahren anfing, Klavier zu spielen; dass er ein überaus schweigsames Kind gewesen sei, lediglich ein gezielt lauschendes, denn mit elf Monaten habe er plötzlich das Bachfugenthema gesungen, das seine ältere Schwester am Klavier übte; dass er über zwanzig Jahre lang dieselbe Klavierlehrerin hatte, und nur sie bis heute, Anna Pawlowna Kantor; dass er „nicht länger als zwanzig Minuten am Tag üben“ könne (fröhlich grinsende Ergänzung: „... den Rest des Tages spiele ich zum Vergnügen!“); dass er spielt wie der junge Horowitz, vielleicht nicht immer schon mit dessen Finesse; dass er der Menge gefallen möchte; und so fort.
Schön, dass man beim roten Faden, einem relativ entspannten Interview am heimischen Flügel, Kissins grammatisch absolut präzises, nur etwas stockendes und „russisch“ eingefärbtes Englisch nicht mit deutschem Einsprech ertränkt, sondern durch Untertitel näher bringt. Und so gut wie nie spielt Herr Nupen sich bei all dem in den Vordergrund. Fazit: Abgesehen von der ausufernden „Proms“-Bebilderung eine TV-Dokumentation von, sagen wir: 1-B-Güte.

Thomas Rübenacker, 17.05.2001



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